Im Rahmen des Königscamps in Wildhaus haben wir uns mit Dorian und Lario Kramer unterhalten. Die beiden Südwestschweizer Brüder wollen mit ihrem Engagement im Toggenburg der nächsten Generation etwas zurückgeben und blicken auf ihre Saison zurück.
Wie geht’s euch?
Lario Kramer: "Gut, danke."
Dorian Kramer: "Wir mussten etwas früh aufstehen (lacht). Doch, doch, es geht mir gut."
Wie lange hattet ihr für die Anreise?
Dorian Kramer: "Wir hatten rund drei Stunden. Zwischenzeitlich hat das Navi sogar noch länger angezeigt, doch dann ist es mit dem Verkehr überraschend gut gelaufen."
Seid ihr zum ersten Mal beim Königscamp?
Dorian Kramer: "Lario ist schon zum zweiten Mal hier oben und für mich ist es die Premiere. Bislang macht es aber Spass und es ist hier alles top organisiert."
Was war eure Motivation, ins Toggenburg zu reisen?
Dorian Kramer: "Man war selbst mal in dem Alter und durch das J&S wird einem jeder Schwung gezeigt. Aber dann musst du dir selbst die Finessen abschauen. Jeder Mensch hat andere Voraussetzungen, ist unterschiedlich gross, schwer und schnell. Daher braucht es die kleinen Details, um mit den Eigenheiten gut umgehen zu können. Dafür sind solche Kurse wie das Königscamp super. An jedem Zug habe ich schon lange studiert, da können sich die Kinder und Jugendlichen nun etwas abschauen."
Lario Kramer: "Man gibt auch etwas zurück. Als Junge konnte ich von solchen Kursen auch profitieren und von den erfahrenen Schwingern etwas abschauen. Jetzt ist es ein Zurückgeben. Roger (Anm. d. Red.: der Organisator des Königscamps) hat mich zudem schon einige Jahre nun angefragt und es hat nie wirklich gepasst und jetzt hat es mal wieder geklappt. Es ist ja auch eine schöne Gegend hier."
Wie seid ihr als Kinder zum Schwingen gekommen?
Lario Kramer: "Per Zufall. Wir kommen nicht aus einer Schwingerfamilie, aber wir waren an einem Sonntag mit der Familie an einem Regionalschwingfest, um etwas zu essen. Wir waren richtige Energiebündel, und dann dachte unsere Mutter, das könnte doch etwas für uns sein. Dann sind wir in ein Probetraining gegangen und seither sind wir dabei."
Mit der Schwägalp und dem Kilchberg-Schwinget stehen noch zwei grosse Feste an. Was sind eure Ziele für die restliche Saison?
Lario Kramer: "Am Ende möchte ich in jedem Gang das Beste geben. Wenn ich alles probiere, bin ich am Abend nicht unzufrieden. Dann weiss man, woran man noch arbeiten kann. Aber natürlich wäre ein Kranz auf der Schwägalp schön, das ist sicher ein angestrebtes Ziel von mir. Der Kilchberg-Schwinget ist für mich das einzige Fest mit eidgenössischem Charakter, an dem ich noch nie war. Deswegen ist die Teilnahme schon schön. Wir sind in der Südwestschweiz nur fünf Schwinger, die gehen dürfen. Daher ist die Qualifikation und eine gute Tagesleistung das Ziel."
Dorian Kramer: "In den letzten drei Jahren hatte ich viele Verletzungen. Für mich war das primäre Ziel, eine Saison verletzungsfrei zu bleiben und ein gutes Fundament für den Dreijahreszyklus hinsichtlich des ESAF 2028 zu schaffen. Ich möchte daher primär gesund bleiben und meine Leistung am Tag X abrufen. Wie es Lario gesagt hat: Ich möchte auch in jedem Gang alles geben, dann ist am Abend auch das Resultat nicht so relevant und man kann zufrieden sein."
Mit vier Kränzen bist du in diesem Jahr so gut unterwegs wie schon lange nicht mehr. Da nehme ich an, dass du mit deiner bisherigen Saison zufrieden bist?
Dorian Kramer: "Ja, sehr. Ich habe körperlich in den vergangenen Jahren einiges umgestellt und viel an mir gearbeitet – auch in der Verletzungsprävention. Da habe ich viel Zeit investiert und das war sicher der richtige Entscheid. Ich durfte nun vier Kränze machen, bin schwingerisch aber noch nicht ganz da, wo ich gerne wäre, denn Erfolg macht gierig. Ich möchte immer mehr, aber am Ende muss man die Kränze erst mal machen. Insofern ist es auch schön, dass ich eine ganze Saison durchschwingen konnte."
Lario, du stehst bei 73 Kränzen. Bei deiner Kadenz dürften früher oder später die 100 Kränze zu einem Thema werden. Schaust du darauf?
Lario Kramer: "Ehrlich gesagt nicht. Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, hätte ich lieber den ein oder anderen Kranzfestsieg mehr als die 100 Kränze. Wenn ich die 100 Kränze schaffe, heisst das, dass ich noch eine Weile gesund dabeibleiben darf, das wäre sicher schon schön. Es ist aber kein angestrebtes Ziel."
Am Südwestschweizer hattest du einen fulminanten Morgen. Kam da beispielsweise der Traum vom grossen Sieg auf?
Lario Kramer: "Das war mein neunter Südwestschweizer Kranz. Ob du am Ende der Karriere, neun oder zehn Kränze hast, ist für mich nicht relevant. Es wäre schön, wenn eines Tages mal wieder ein Südwestschweizer das Fest gewinnen könnte und dementsprechend ging ich in den vierten Gang. Ich hatte das Ziel zu gewinnen, das hat dann nicht funktioniert, aber ich gab mein Bestes. Ich werde hoffentlich noch ein, zwei Chancen erhalten und ein Festsieg von mir oder zumindest einem anderen Südwestschweizer wäre schon schön."
"Trotzdem wäre es für den Südwestschweizer Verband wünschenswert, wenn alle dabei sind. Dann kann auch eine Dynamik entstehen, welche die eigenen Reihen pusht"
Lario Kramer über die Team-Situation im SWSV
In dieser Saison hattet ihr beim Südwestschweizer Verband auch Verletzungspech. Nur du, Lario, und Romain Collaud waren als Eidgenossen fit. Erleichtert es das für euch an den kantonalen Schwingfesten oder ist es ein Handicap für die grösseren Feste?
Lario Kramer: "Einfacher wurde es nicht. An den Kantonalen sind wir teilweise nicht mal 90 Schwinger. Die Kranzabgabe erfolgt nach Prozenten. Da sind die Feste von der Anzahl der Schwinger, nicht von der Leistungsdichte, fast schon wie ein Bergfest. Es gibt also wenig Kränze in unserem Verband, daher ist es für viele schon eine Challenge, einen Kranz zu holen. Im Kampf um den Festsieg haben wir womöglich nicht die gleiche Leistungsdichte wie die Berner, aber er ist nicht weniger wert."
Dorian Kramer: "Am Ende kämpfst du gegen sechs Gegner. Wenn zehn Eidgenossen am Fest teilnehmen, hast du in der Regel zwei oder drei Eidgenossen auf dem Notenblatt. Bei uns kann es auch sein, dass ein Mittelschwinger plötzlich mit zwei Eidgenossen auf seinem Notenblatt dasteht."
Lario Kramer: "Und wegen des Teams: Bei uns ist es verheerender, wenn ein Spitzenschwinger ausfällt. Wenn wir an ein Bergfest gehen, können wir nicht verbandsdienlich schwingen. Wir sind zwar ein Team, aber wir können nicht für einen Kollegen einen ausbremsen, denn oftmals wäre gar kein Südwestschweizer da, um zu profitieren. Dementsprechend sind wir mehr auf uns alleine gestellt, ob jetzt ein Gapany, Moser oder Duplan dabei ist oder nicht. Trotzdem wäre es für den Südwestschweizer Verband wünschenswert, wenn alle dabei sind. Dann kann auch eine Dynamik entstehen, welche die eigenen Reihen pusht."
Blickt man da gelegentlich neidisch auf die anderen Verbände oder fühlt ihr euch in der Underdog-Rolle wohl?
Lario Kramer: "Ich glaube weder noch. Es wäre wohl nicht so schwierig, Anschluss in einem anderen Verband zu finden, wenn wir das wollten. Wir schwingen freiwillig für die Südwestschweizer. Wir waren von Beginn an im Schwingklub Kerzers und sind da treu. Es ist sicher positiv, dass wir verbandsübergreifend trainieren können und damit gute Trainingspartner haben."
Ich habe mir eure Bilanz untereinander angeschaut. Ihr hattet drei Kämpfe gegeneinander.
Dorian Kramer: "Ziemlich scheisse (lacht)."
Ja, alle Duelle gingen an Lario. Ist das etwas, das nervt oder kannst du damit umgehen.
Dorian Kramer: "Ich habe eine Woche nicht mit ihm gesprochen (lacht)."
Lario Kramer: "Die ersten zwei Kämpfe waren auch nicht relevant. Das war an Regionalfesten. Das waren mehr Trainingswettkämpfe."
Dorian Kramer: "Grundsätzlich versuche ich, das so zu sehen. Beim Schlussgang im Wallis war das Schlimmste, das hätte passieren können, dass mein Bruder das Fest gewinnt. Das ist ein schönes Problem. Der Sieg bleibt in der Familie. Weder Lario noch ich hatten etwas zu verlieren. Befreiter Schwingen kannst du eigentlich nie. Eigentlich kannst du nur gewinnen, trotzdem ist es natürlich unschön, den Schlussgang zu verlieren. Das macht man nie gerne. Das muss ich nicht schönreden, ansonsten wäre ich im falschen Sport. Es ist aber sicher speziell, denn man kennt sich gegenseitig relativ gut. Wir trainieren oft zusammen und kennen die Stärken und Schwächen voneinander. Dem darfst du aber nicht allzu viel Beachtung schenken, denn du möchtest deine Dinge möglichst effektiv machen. In diesem Moment war es nicht mein Bruder, sondern ein Gegner."
Lario Kramer: "Man hat es versucht auszublenden. Klar, im Hinterkopf weisst du es trotzdem und es ist ein spezielles Gefühl. Es ist uns aber nichts anderes übrig geblieben, als miteinander zu schwingen."
Ihr habt automatisch an den Schwingfesten eine enge Bezugsperson dabei. Inwiefern profitiert ihr davon?
Dorian Kramer: "Es hilft vor allem an den schlechten Tagen. An guten Tagen hast du immer viele Kollegen, die dir auf die Schulter klopfen und dich bekräftigen. An den schlechten Tagen, nach einem schwachen Gang, kommt selten jemand zu dir und versucht, dich wieder aufzubauen. Durch dieses gute Verhältnis untereinander haben wir immer diese Person, die dich wieder aufbaut, wenn es nicht läuft."
Lario Kramer: "Dazu kennt man einander auch sehr gut. Wir wissen schnell, wo beim Gegenüber der Schuh gerade drückt. Ein Betreuer muss sich das zuerst erarbeiten und wir haben dieses Privileg. Ergänzend ein paar ruhige Worte können da helfen."
Welche Fähigkeit hättet ihr vom jeweils anderen gerne?
Lario Kramer: "Technisch ist Dorian sehr vielseitig. Dazu hat er ein gutes Timing. Ich bewundere sehr, wie er mit einem Schwung alles auf eine Karte setzen kann und ins volle Risiko geht – die Risikobereitschaft nach dem Motto 'Sieg oder Sarg'."
Dorian Kramer: "Er ist ein Killer – ein Pitbull. Er kann sieben oder acht Minuten Vollgas schwingen und den Gegner unermüdlich bearbeiten. Lario hat vermehrt Gegner, die auch mit einem Gestellten sehr zufrieden wären. Dort kann er die gesamte Gangdauer mit voller Intensität drauflos schwingen. Diese Persistenz und der Wille sind beeindruckend."
Und zum Abschluss: Würdet ihr an einem Frauenschwingfest auch einmal als Ehrenmann gehen?
Dorian Kramer: "Das sind Ämtchen, die man nie ausschliessen würde."
Lario Kramer: "Wenn dann, wäre es etwas für nach der Karriere. Aktuell hat man oftmals noch gleichzeitig ein Schwingfest, aber es ist sicherlich nicht gerade zuoberst auf meiner To-do-Liste."
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