Auf Skirennen müssen die Fans noch rund drei Monate warten. Trotzdem stehen extrem spannende Tage und Wochen bevor, da im Schweizer Frauen-Team noch die wohl wichtigste Entscheidung ansteht.
Der Schock in der Ski-Schweiz war riesig, als sich Lara Gut-Behrami im vergangenen November das Kreuzband gerissen hat, und so die Olympischen Spiele als ihre eigentliche Abschiedsvorstellung verpasst hat. Seither beschäftigt die Fans die Frage: Sehen wir Lara Gut-Behrami jemals wieder im Weltcup?
Eigentlich war die Ansage im Winter 2025 klar: Die Saison 2025/26 mit Olympia wird die letzte Saison von Lara Gut-Behrami sein, ehe sie sich zurückzieht, nach London abwandern will und sich dann auch der Familienplanung mit Valon Behrami widmen will.
Die Verletzung der Tessinerin kam zum schlimmstmöglichen Zeitpunkt. Beim Weltcupfinale im März 2025 zeigte sie, dass sie wieder richtig Spass am Skifahren hat, konnte diese Tatsache auch mit dem dritten Rang beim ersten Rennen der Saison in Sölden zeigen, als sie sich den dritten Rang hinter Julia Scheib und Paula Moltzan sicherte.
Genau auf diese Freude hoffen die Fans derzeit, denn es ist kaum vorstellbar, dass Gut-Behrami ohne richtiges Abschiedsrennen aus dem Ski-Zirkus verschwindet – gerade weil sie noch so viel Freude am Skifahren hatte.

Ende Juli – also in diesen Tagen – will die 35-Jährige auf den Schnee zurückkehren und schauen, wie es ihr geht. Dann wird früher oder später eine Entscheidung fallen – aus Schweizer Sicht hofft man auf eine positive Entscheidung und eine weitere Saison.
Natürlich: Olympia und eine Weltmeisterschaft sind nicht das Gleiche. Trotzdem dürfte die WM ein Ansporn sein, so quasi ein Trostpflaster für die verpassten Spiele. Noch einmal vor heimischem Publikum in Crans-Montana um Medaillen zu kämpfen – es wäre trotz allem ein schöner Abschluss der grossartigen Karriere.
Aus Schweizer Sicht, aber auch aus Sicht des neutralen Betrachters, hätte ein Comeback eigentlich nur Vorteile. Diese versuchen wir aufzulisten und zusammenzufassen.
In jeder Sportart ist es genau gleich: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi im Fussball; Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal im Tennis; Sidney Crosby im Eishockey – man will sie auch im hohen Alter noch sehen. Der Grund ist ganz einfach: Sie sind die Besten.
Lara Gut-Behrami hat über die Jahre hinweg immer wieder gezeigt, dass sie zu den absoluten Aushängeschildern des Skisports gehört. Olympiagold, zwei Weltmeistertitel, 48 Weltcupsiege und zwei Gesamtweltcupsiege sprechen eine klare Sprache.
Lara Gut-Behrami war über die Jahre hinweg nicht immer der Liebling der Fans, vor allem nicht von jenen, die es nicht mit dem Schweizer Fahrerlager halten. Immer wieder stiess sie mit ihrer Art auf Widerstand, wurde auch für ihre teils schlechte Laune kritisiert.
In den letzten Jahren hat sich die Tessinerin geöffnet, hat wieder viele Sympathiepunkte gesammelt. Auf Kritik verzichtet sie aber trotzdem nicht, steht für sich und ihre Konkurrenz ein und tut ihre Meinung offen kund. Genau solche Fahrerinnen braucht es im Skisport, wenn Änderungen umgesetzt werden sollen.

In ihrem vorerst letzten Weltcuprennen hat Gut-Behrami eindrücklich gezeigt, wie wichtig sie auch für Swiss-Ski ist. Mit dem dritten Rang hat sie ihr Team vor einem doch relativ enttäuschenden Rennen bewahrt. Nur drei weitere Schweizerinnen waren in den Punkten, mit Camille Rast auf Rang 15 als zweitbester Schweizerin.
Nur gerade 1235 Punkte hat das Schweizer Frauen-Speedteam in der vergangenen Saison geholt – und damit gar noch weniger als 2014/15 (1241 Punkte). Deutlich spürbar war dabei die Abwesenheit von Gut-Behrami, die in den Jahren zuvor jeweils zwischen 600 und 1000 Punkte allein in den Speed-Disziplinen einfahren konnte.
Auch in der Nationenwertung sind die verlorenen Punkte der Tessinerin deutlich spürbar. Nur auf Rang 4 schlossen die Frauen die Nationenwertung ab. In den drei Jahren vor der Verletzung hat die 35-Jährige immer über 1200 Punkte geholt. Mit diesen 1200 Punkten hätte die Schweiz alle anderen Nationen überholt und wäre auch bei den Frauen die Skination Nummer 1. Auch wenn sie diese Marke nicht erreicht hätte, so hätte es wohl mindestens für den zweiten Rang gereicht.
Klar, Gut-Behrami ist nicht unbedingt als Teamplayerin bekannt, zieht eher ihr eigenes Ding durch. Trotzdem hörte man in den vergangenen Jahren immer wieder von guten Beziehungen zu ihr im Schweizer Team, sodass junge Athletinnen profitieren konnten.
Die Frage nach einem Ersatz für diese Rolle stellt sich im Schweizer Team definitiv. Fährt Corinne Suter so, wie sie es gegen Ende der Saison getan hat, kann sie ohne Zweifel in diese Rolle schlüpfen. Wenn nicht, wird's schwierig. Von den weiteren erfahreneren Athletinnen quälen sich alle mit Verletzungen oder nicht mehr ganz so starken Leistungen umher.
Nach der Verletzung von Gut-Behrami hat Camille Rast noch einmal einen Schritt nach vorn gemacht und konnte zumindest im Riesenslalom die entstandene sportliche Lücke weitestgehend füllen. Mit über 1000 Punkten hat die Walliserin geliefert und sich mental äusserst stark gezeigt.
Trotz allem darf man nicht vergessen, dass es erst die zweite konstant richtig starke Saison der 27-Jährigen war. Alle Hoffnungen in Rast zu stecken, wäre daher im kommenden Jahr – das wohl definitiv Gut-Behramis letztes sein würde – nicht fair.
Mit Rast und Gut-Behrami hätte die Schweiz zwei absolute Top-Fahrerinnen. So würde sich der Druck bestens verteilen. Im Slalom kann Wendy Holdener zur Hilfe eilen, im Riesenslalom sind es Rast und Gut-Behrami, und im Speed soll Corinne Suter für Entlastung der Tessiner sorgen.
Lara Gut-Behrami hat während ihrer Karriere so vieles geprägt. Von ihrem Sturz über die Ziellinie bei ihrem ersten Weltcuppodestplatz 2009, bis hin zu einer der stärksten Fahrten, die je eine Frau gezeigt hat, beim Weltcupfinale 2025 – es sind Teile von Kindheiten und Lebensabschnitten.
Gerade weil die Tessinerin für unvergessliche Erinnerungen gesorgt hat, würde man ihr einen versöhnlichen Abschluss gönnen. Eine letzte Chance für das Publikum, einer der besten Skifahrerinnen des 21. Jahrhunderts etwas zurückzugeben.
Dominic Hodel Lara Gut-Behrami Ski Alpin Swiss-Ski welovesnow.ch