sport.ch

Nach Gut-Behrami dürfte der Riesenslalom (noch) die Sorgendisziplin bleiben

Die Riesenslalom-Fahrerinnen unter der Lupe

Die Vorfreude, sie steigt. Am 25. Oktober hört man es im Starthaus von Sölden endlich wieder piepen, bevor sich die weltbesten Riesenslalom-Akteurinnen die Piste runterstürzen, mit einem ersten Top-Resultat im Blick. Bei den weltbesten Fahrerinnen sind aber nur wenige Schweizerinnen dabei, der Riesenslalom bleibt wohl weiterhin eine Sorgendisziplin. Wir werfen einen Blick auf den Kader, und prognostizieren, ob die Zukunft etwas rosiger aussieht.

Die Prognosen sind gleichbedeutend mit unseren eigenen Meinungen. Prinzipiell hat die Schweiz genügend Startplätze, um immer wieder einer Athletin auch eine Chance zu geben, sei es aus dem Europacup oder nach einer Verletzung.

Lara Gut-Behrami - Letzte Saison: Konstant gut, nur einmal vor der Dominatorin

Im Winter 2023/24 hat die Tessinerin noch gross abgeräumt und sich die Riesenslalom-Kugel gesichert. Dies war in der vergangenen Saison neben einer teils unmenschlich fahrenden Federica Brignone nicht mehr möglich. Hinzu kam die entfesselte Alice Robinson. Gut-Behrami konnte zweimal auf den zweiten Rang fahren, beide Male war der Rückstand auf die jeweilige Siegerin jedoch gross. An der WM verpasste sie als Fünfte eine Medaille nur um wenige Hundertstel. Beim Saisonfinale stieg sie in die Liga von Brignone auf und konnte sie gar bezwingen. Sara Hector war die einzige Konkurrentin, die mit acht Zehnteln Rückstand einigermassen nahe kam, der Rest war mehr als zwei Sekunden hinter Gut-Behrami zurück.

Die 34-Jährige geht in ihre letzte Saison als Profi und will es sicherlich noch einmal wissen. Wir sind uns allerdings nicht 100% sicher, ob sie im Riesenslalom nach Schlussrang 6 im Vorjahr tatsächlich noch einmal ein Wörtchen um die Kugel mitreden kann. Obwohl mit Federica Brignone die beste Fahrerin des letzten Winters einen Grossteil der Saison verpassen wird, machten vor allem Robinson und Hector einen stärkeren Eindruck. Zudem wartet mit Lara Colturi eine ganz junge Athletin auf den definitiven Durchbruch.

Beim Saisonfinale konnte Gut-Behrami ihre Konkurrentinnen doch noch hinter sich lassen.

Camille Rast - Letzte Saison: In den Top 10 festgesetzt

Die Saison 2023/24 war für die Walliserin noch nicht vom ganz grossen Erfolg gekrönt. Im Slalom verpasste sie Mal für Mal das Podest knapp, im Riesenslalom konnte sie zweimal in die Top 10 fahren. Die letzte Saison begann allerdings mit einem Erfolg, dem zwölften Rang in Sölden. Und ja: der 29. Rang war zuvor ihr bestes Ergebnis auf dem Rettenbachgletscher, daher ist der 12. als Erfolg zu werten. Noch besser lief es in Killington: Nach dem Sturz der Halbzeitführenden Mikaela Shiffrin stand eine Woche nach dem ersten Weltcup-Podest überhaupt auch der erste Podestplatz im Riesenslalom fest. Nach einem Durchhänger in Semmering (17. Platz) war Rast dann immer wieder schnell und verpasste die Top 10 nur an der WM (11. Platz) und im letzten Saisonrennen, als sie im zweiten Lauf ausschied.

Die 26-Jährige hat bewiesen, dass sie auch mit den grösseren Torabständen ohne Probleme zurechtkommt und wird in der kommenden Saison den nächsten Schritt anstreben. Von der kleinen Kugel träumen wir zwar bereits schon, für wirklich realistisch halten wir sie allerdings nicht. Wie bereits erwähnt wird allerdings Brignone fehlen und die Entscheidungen werden sicherlich härter umkämpft. Mit etwas mehr Hundertstelglück könnten wir Rast in dieser Saison gar auf dem Disziplinenpodest sehen.

Wendy Holdener - Letzte Saison: Immer in den Punkten, nur selten ganz vorne

Nachdem die Schwyzerin fast den gesamten Winter 2023/24 verpasst hatte, kam sie in der vergangenen Saison vor allem im Slalom stark zurück. Ihre Leistungen im Riesenslalom sind aber definitiv auch eine Erwähnung wert. Holdener fuhr in jedem Riesenslalom der Saison in die Punkte, bis auf drei Rennen war sie stets zwischen Platz 10 und 20 klassiert. Zweimal verpasste sie die Top 20, beim Weltcupfinale erkämpfte sie sich den starken siebten Rang.

Die 32-Jährige versprüht weiterhin gute Laune und viel Lust im Riesenslalomteam, auch wenn sie nicht ganz an ihre alten Leistungen in dieser Disziplin anknüpfen kann. Nachdem sie bereits die Speed-Disziplinen aufgegeben hat, wird sie mit grosser Wahrscheinlichkeit im Riesenslalom weiterfahren, damit sie in der Weltcupstartliste nicht weiter nach hinten fällt und so vor unangenehme Aufgaben gestellt wird. Sie dürfte auch in der kommenden Saison konstant Resultate um den 20. Rang herausfahren.

Vanessa Kasper - Letzte Saison: Kaderlos mit guten Resultaten

Die viertbeste Schweizerin in der vergangenen Saison war etwas überraschend nicht Michelle Gisin, zu der wir in einem nächsten Abschnitt kommen, sondern Vanessa Kasper, auch wenn die beiden gleich viele Punkte auf dem Saisonkonto hatten. Die Bündnerin fiel im Sommer 2024 aus den Kadern von Swiss-Ski, durfte aber siebenmal im Weltcup starten und nutzte die Chance mit den Rängen 27, 28 und 18. Zudem konnte sie ein Europacup-Rennen gewinnen, fuhr drei weitere Male aufs Podest, sodass sie sich mit Schlussrang 2 in der Disziplinenwertung einen Fixstartplatz und die Wiederaufnahme bei Swiss-Ski sichern konnte.

Dass die 28-Jährige wieder im Team ist, ist logischerweise auf ihrer guten Ergebnisse zurückzuführen. Diese wären allerdings nicht möglich gewesen, wenn sie nicht endlich verletzungsfrei geblieben wäre. Jetzt ist Kasper wieder fit und bereit für den nächsten Schritt. Wir sehen sie wieder vermehrt in den Punkten - nicht ganz vorne, aber konstant um die Ränge 22 und 23.

Das Riesenslalomteam schrumpft um drei Namen, eine Starterin noch unklar

Nicht mehr am Start werden im Riesenslalom Michelle Gisin und Mélanie Meillard stehen. Gisin konnte in der vergangenen Saison noch vereinzelt Punkte holen, war in der Riesenslalom-Wertung schlussendlich auf Rang 40 klassiert. In der WCSL ist sie allerdings so weit nach hinten gerutscht, sodass es für sie keinen Sinn mehr macht, in dieser Disziplin zu starten. Ähnlich sieht es bei Meillard aus. Die Schwester von Loïc Meillard stand in den letzten zwölf Monaten ebenfalls vereinzelt am Start eines Riesenslaloms, konnte aber nie punkten. Bei ihr gibt es zusätzlich Schmerzen im Knie, die weitere Starts sinnlos machen.

Ebenfalls nicht am Start stehen wird in dieser Saison Andrea Epp-Ellenberger, die schon in der vergangenen Saison ohne Kaderstatus versuchte, sich wieder aufzudrängen, allerdings noch nicht mit Doppelname. Die Hochzeit dürfte nach der Unterschenkelfraktur ein schöner Trost gewesen sein, Rennen wird sie 2025/26 keine absolvieren.

Auch noch unklar ist, wie die Situation bei Jasmina Suter aussieht. Die 30-Jährige war vergangene Saison beim Auftakt in Sölden noch mit dabei, bestritt danach aber keine Riesenslaloms mehr. Nach ihrer Meniskusverletzung ist die Schwyzerin mittlerweile wieder auf den Skiern, wir würden aber nicht mit einem Start im Riesenslalom rechnen.

Simone Wild - Letzte Saison: Akzeptabler Start und bittere Nachrichten

Die allerbesten Zeiten der 31-Jährigen liegen leider etwas zurück, zum Beginn der letzten Saison fuhr sie in den ersten drei Rennen aber immer in die Punkte. Anschliessend konnte sie sich zweimal nicht für den zweiten Lauf qualifizieren. Um wieder positive Gefühle zu spüren, startete die Frau des Skiclubs Flumserberg im Europacup. Dieses Unterfangen verfehlte den Zweck definitiv: Wild riss sich das vordere Kreuzband, fiel für den Rest der Saison aus und verlor im April jeglichen Kaderstatus. Die Konkurrenz schläft zwar nicht, sie darf aber, sobald sie wieder fit ist, trotzdem auf den ein oder anderen Start hoffen.

Selina Egloff - Letzte Saison: Ein Weltcupstart und stark eine Stufe tiefer

Die Saison 2022/23 pausierte Egloff, da sie sich mental leer fühlte. Seit ihrem Comeback zeigt sie aber beeindruckende Leistungen und wurde in der Vorsaison mit den Rennen in Sestriere belohnt, wo sie schlussendlich aber nur in einem Rennen an den Start ging. Besser lief es im Europacup. Sieben Top-10-Ergebnisse in zehn Rennen, darunter gar der zweite Rang im deutschen Oberjoch. In der Riesenslalom-Wertung gab es für die 24-Jährige Rang 5. Damit verpasste sie zwar den Fixstartplatz, wird aber wohl trotzdem einige Rennen bestreiten dürfen. Wir sind uns sicher: In der Saison 2025/26 holt die Bündnerin ihre ersten Weltcuppunkte.

Delphine Darbellay - Letzte Saison: Hui an der WM und im Europacup, Pfui im Weltcup

Die 22-Jährige hatte eine Saison wie eine Achterbahnfahrt. Ihrem enormen Potenzial scheinen sich die Verantwortlichen bei Swiss-Ski bewusst zu sein, sie durfte gleich sechsmal im Weltcup starten, den zweiten Lauf erreichte sie dabei aber nie. Etwas überraschend wurde sie dann für die WM selektioniert, wo sie im Team-Event ihren Anteil an der Silbermedaille hatte. Sie absolvierte ein Mammutprogramm, bestritt neben WM und Europacup alle zehn Riesenslaloms im Europacup. Den zweiten davon konnte sie in Zinal gar gewinnen.

Ihr gehört ohne Zweifel die Zukunft, sie hat das Können, um dereinst vorne mitzufahren. Wann sie allerdings in die neue Saison eingreifen kann, ist bisher noch unklar. Aufgrund von Rückenschmerzen sei es zurzeit unmöglich, auf den Skiern zu trainieren, Sölden wird mit grosser Wahrscheinlichkeit noch zu früh kommen. Steht sie wieder am Start, dürften die ersten Weltcuppunkte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Sue Piller - Letzte Saison: Universiade-Meisterin und ein guter Lauf bei den Junioren

Die 20-Jährige begann die letzte Saison noch auf FIS-Stufe, durfte nach vier Siegen allerdings im Januar das erste Mal im Europacup starten und überraschte gleich mit den Rängen 13 und 10, im Februar dann gar zweimal als Vierte. Zwischendurch wartete allerdings das erste Highlight: Vor Darbellay sicherte sie sich an der Universiade die Goldmedaille. Ein Monat später folgte mit den ersten Weltcupstarts in Sestriere das nächste Highlight, bevor sie an die Junioren-WM reiste. Dort lag sie nach dem ersten Durchgang noch in Führung, schied im zweiten Lauf aber aus. Sie wird in der kommenden Saison ziemlich sicher zu mehr Einsätzen auf höchster Stufe kommen und dann wohl auch mindestens einmal punkten.

Janine Schmitt - Letzte Saison: Der Fokus verschiebt sich immer mehr in den Speed-Bereich

Obwohl mit einem Fixstartplatz für alle Disziplinen ausgestattet, startete die 24-Jährige in der vergangenen Saison nur in vier Weltcup-Riesenslaloms. Im Europacup bestritt sie deren acht Rennen, konnte aber nach einem dritten und vierten Rang in Zinal nicht mehr an ihre Leistungen anschliessen, wurde schliesslich 14. in der Disziplinenwertung. Erfreulich ist bei ihr, dass sie in Abfahrt und Super-G immer häufiger in die Punkte fährt, der Riesenslalom dürfte in der kommenden Saison eine noch kleinere Bedeutung bekommen.

Janine Schmitt konzentrierte sich zuletzt mehrheitlich auf den Riesenslalom.

Stefanie Grob - Letzte Saison: Noch immer keine Weltcuppunkte, doch die Junioren-WM gehört ihr

Die 21-Jährige hat mittlerweile 18 Rennen auf höchster Stufe absolviert, auf Punkte wartet sie allerdings noch. Im Europacup zeigte sie starke Leistungen, allerdings häufiger im Super-G als im Riesenslalom. Diese Wertung schloss sie nur als 29. ab. Die Junioren-WM blieb allerdings ihre Wohlfühloase: Gold gab es in der Abfahrt, Silber im Riesenslalom. Es ist eine Frage der Zeit, bis sie auch ihre ersten Weltcuppunkte holt.

Die etwas fernere Zukunft könnte vielversprechend sein

Im Europacup durften noch weitere Athletinnen starten. Am erfolgreichsten tat dies Shaienne Zehnder mit Schlussrang 25, an der Junioren-WM wurde sie 13. Dania Allenbach stand mit knapp 18 Jahren als eine der jüngsten an der Junioren-WM am Start, brachte den zweiten Lauf nach Zwischenrang 16 allerdings nicht hinunter. Sie wusste gleich in ihrem zweiten Europacuprennen mit Rang 5 zu überzeugen. Janine Mächler ist eher eine Slalomspezialistin, fuhr in Zinal aber immerhin auf Platz 10. Sina Fausch holte in einem von nur zwei Rennen vier EC-Punkte. An der Junioren-WM gingen zudem Faye Buff (23.) und Jasmin Mathis (DNF1) an den Start.

Andrea Ellenberger Camille Rast Damen Riesenslalom Dania Allenbach Delphine Darbellay Dominic Hodel Faye Buff Janine Mächler Janine Schmitt Jasmin Mathis Jasmina Suter Lara Gut-Behrami Mélanie Meillard Michelle Gisin Selina Egloff Shaienne Zehnder Simone Wild Sina Fausch Ski Alpin Stefanie Grob Sue Piller Swiss-Ski Vanessa Kasper welovesnow.ch Wendy Holdener

2025-10-13 23:00:19