Das Jahr von Allegra Frei war bisher äusserst turbulent. Nach zwei Kreuzbandrissen konnte sie endlich wieder Rennen fahren, wurde anschliessend in den B-Kader von Swiss-Ski aufgenommen, schloss ihre Berufslehre ab und verletzte sich dann erneut. Mittlerweile ist die 19-jährige Zürcherin wieder ins Schneetraining eingestiegen und erzählte uns im Gespräch, wer ihr während den Verletzungen zur Seite stand und in welcher Disziplin sie am liebsten startet.
Wie war das Gefühl, letzte Woche endlich wieder auf Schnee zu stehen?
Allegra Frei: "Sehr schön. Ich kenne das langsam schon ein bisschen - es war mein drittes Comeback in den letzten drei Jahren. Aber ich hatte schnell wieder das Vertrauen und ich konnte es sehr geniessen."
Du hast es angesprochen: Du hattest viele Verletzungen in den letzten drei Jahren. Hilft dir das mittlerweile, um neue Rückschläge zu verkraften, oder kommt da eher der Gedanke, 'wieso schon wieder ich'?
"Ich glaube, es ist so ein bisschen beides. Dieses Mal hat es sicherlich geholfen, dass ich denken konnte: 'Ja okay, eine Fussverletzung. Nach zwei Monaten wieder Skizufahren, ist absehbar und jetzt nichts Schlimmes.' Auf eine Art ist es auch so, dass ich jetzt endlich einmal eine verletzungsfreie Saisonvorbereitung wollte. Aber schon wieder traf es mich und alle anderen können normal trainieren. Ich glaube aber, das hat mir schon auch geholfen, um wieder das volle Vertrauen auf den Skiern zu haben."

Zweimal war es das Kreuzband. Wolltest du zu schnell wieder beginnen nach dem ersten Kreuzbandriss?
"Ich glaube, jeder Sportler will schnell wieder anfangen, das ist so der Instinkt. Ich habe mir aber schon Zeit gelassen mit sauberem Kraftaufbau. Logisch, es ist 14 Monate später schon wieder passiert, aber man sagt ja eigentlich, dass es nach einem Jahr auch halten sollte. Ich habe auch dort zwischen den Saisons noch einmal viel ins Krafttraining investiert, weil ich auch zwischendurch noch einmal eine Schulterverletzung gehabt habe. Diese Verletzung war nicht so schlimm, aber da konnte ich wieder voll die Beine trainieren. Ich glaube, ich kann mir da nichts vorwerfen."
Wer war während den Verletzungen deine wichtigste Ansprechperson?
"Sicher die Familie. Sie haben mich durch alles begleitet. Sonst sicher die Physios und die Ärzte, die den ganzen Verlauf begleitet haben."
Waren die Physios und Ärzte vom NLZ?
"Nein, eigentlich hier aus der Region. Ich war im Balgrist in der Physio."
In einem NLZ gibt es viele Fahrerinnen. Haben sie dort überhaupt Zeit, um dich während einer Verletzung zu betreuen?
"Nein, das sind zwei Trainer mit einem Team von zehn Athletinnen. Da haben vielleicht dann schon drei Verletzungen, aber du bist dann einfach auf dich alleine gestellt. Aber ich verstehe das auch. Ihr Job ist Skitrainer zu sein und wenn du verletzt bist, bist du wie weg. Unsere Trainer unterstützen uns dann für den Aufbau auf der Piste."

Du bist im Frühjahr nach den Verletzungen zurückgekommen, hast zuerst Slaloms absolviert und nachher Speed-Rennen. War es nach der Verletzung ein Herausfinden, was das Knie mitmacht und wo du dich am wohlsten fühlst?
"Das Knie ist eigentlich gar kein Thema mehr gewesen, da ich in beiden Knien eigentlich beschwerdefrei bin, da kann ich mich sehr glücklich schätzen. Es war mehr ein Herausfinden, wo meine Stärken sind und in welche Richtung ich überhaupt gehen möchte. Dadurch, dass ich erst in der U16 ein bisschen Super-G gefahren bin, sonst aber eigentlich noch gar nicht wirklich Speed, ist das alles neu gewesen und da habe ich nicht gewusst, wie es mir gefallen wird."
Wie kommt man darauf, dass man schnell sein könnte, wenn man vorher wenig bis gar nie Speed gefahren ist? Das Training ist ja ziemlich anders?
"Auf alle Fälle. In meinem Herz habe ich mich schon immer ein wenig als Speedfahrerin gesehen. Eine lustige Geschichte: ich musste während den Verletzungen Zielblätter für die Saison ausfüllen und ich wollte unbedingt wieder einmal auf den Speed-Skiern stehen. Ich habe da schon zwei Jahre nicht mehr auf den Speed-Skiern gestanden und ich wollte einfach wieder einmal die langen Skier anhaben und das spüren - egal ob Training oder Rennen. Da ist mir klar geworden, dass ich wieder einmal Speed fahren möchte und ich habe es den Trainern so kommuniziert. Wir haben dann ein Super-G-Training gehabt und dann bin ich gleich an das erste Rennen gegangen."
Ende Saison warst du dann doch wieder im Riesenslalom am Start. Was machst du denn jetzt am liebsten?
"Schon Speed, sage ich jetzt mal. Beim ersten Rennen kam es zu einem Wow-Moment und im ersten Training hatte ich wirklich Tränen in den Augen, weil es so Spass gemacht hat. Der Riesenslalom ist sicher die Grunddisziplin, da muss ich einfach dranbleiben."
Und Slalom ist gar kein Thema mehr?
"Ich glaube, das ist auch durch meine Verletzungsgeschichte gezwungenermassen. Es ist sehr schwierig, das wieder aufzuholen und ich muss mich jetzt spezialisieren. Von dem her eigentlich nicht mehr."
Nach der Saison stand die Kaderselektion an. Wie hast du davon erfahren, dass du jetzt in den B-Kader kommst?
"Mein NLZ-Trainer hat mich angerufen und mir zum B-Kader gratuliert. Durch die Kriterien weisst du es eigentlich schon vorher, aber ob ich in den B- oder in den C-Kader komme, war erst dann fix. Ich fragte mich davor immer, ob das wirklich sein kann, aber dann wurde es dann wirklich bestätigt."

Gerechnet hast du aber nicht mit dem B-Kader?
"Anfangs Saison habe ich nicht einmal gewusst, ob ich Rennen fahren werde. Es ist die Frage gewesen, ob ich überhaupt Rennen fahren sollte oder nicht. Nachher ist es das Ziel gewesen, nicht aus dem NLZ zu fliegen. Als ich dann die Resultate gehabt habe und die Kriterien für den B-Kader erreicht habe, wusste ich, dass es eigentlich reichen sollte, aber man weiss halt nie."
Ist die nächste Hürde als B-Kader-Fahrerin der Europacup?
"Ja genau. Das Ziel ist es jetzt diese Saison sicher, im Europacup zu fahren. Es ist sicherlich noch einmal eine neue Challenge, eine neue Welt. Es geht darum, dort noch einmal Speed-Erfahrung zu sammeln."
Du bist eine der jüngsten Athletinnen im B-Kader. Die meisten mit deinem Jahrgang waren im Februar an der Junioren-WM. Kam das für dich noch zu früh?
"Dieses Jahr bin ich eigentlich wirklich gerade zurückgekommen, habe erst gerade meine ersten zwei Rennen gehabt, als die WM war. Ich hatte gar nicht wirklich die Chance, mich zu qualifizieren. Dieses Jahr ist es sicher ein Ziel von mir."
Im B-Kader bist du eine der jüngsten, in der Trainingsgruppe liegst du ungefähr im Durchschnitt. Kommt da noch eine weitere Rolle hinzu, dass du noch Erfahrung ins Team bringst und Verantwortung übernimmt, oder ist da jeder für sich alleine und es ist mehr ein Konkurrenzkampf, wer es noch weiter schafft?
"Das Frauenteam ist sicher ein bisschen anders als das Männerteam, aber ich habe jetzt nicht mehr Erfahrung als die anderen - eher weniger vom Skitrainingsvolumen her. Es hat sich schon ein bisschen aufgeteilt in Speedfahrerinnen und Technikerinnen, wir sind da ein wenig in getrennten Lager unterwegs. Wir unterstützen uns da aber schon auch gegenseitig."
Bildquellen: Alle Bilder wurden von Allegra Frei zur Verfügung gestellt
Allegra Frei Dominic Hodel Ski Alpin Swiss-Ski welovesnow.ch