Die Hoffnungen in Lara Baumann waren einst sehr gross. Bereits im Alter von 17 Jahren konnte sie ihr erstes FIS-Rennen gewinnen. Verletzungen warfen die heute 24-Jährige jedoch immer wieder zurück. Im April folgte dann die bittere Nachricht: Baumann ist nicht mehr Teil des Swiss-Ski-Kaders. Jetzt kämpft sich die Appenzellerin auf eigene Faust zurück.
Info: Das Interview wurde bereits vor den Rennen in Südamerika geführt. Mittlerweile hat Lara Baumann die beiden Rennen hinter sich und ist wieder in der Schweiz angekommen.
Lara, wie geht es dir in Ushuaia?
Sehr gut! Wir haben eine tolle Gruppe und die Zeit vergeht wie im Flug. Wir sind jetzt schon seit gut zwei Wochen hier.
Mit wem trainierst du dort aktuell?
Wir haben uns der Familie Simari Birkner angeschlossen. Das sind Argentinier, die früher selbst Skirennen gefahren sind und diese Trainings nun anbieten. Theoretisch könnte man die ganze Saison mit ihnen bestreiten, aber wir haben uns entschieden, einfach einen Monat in Ushuaia zu absolvieren. Zusammen aus der Schweiz angereist sind Selina Gadient, Andri Moser, Cyril Eberle, Eliane Stössel und ich.

In Argentinien stehen ab nächster Woche Rennen an. Bist du auch am Start?
Ja, ich fahre voraussichtlich die zwei Riesenslaloms.
Update: Baumann wurde im ersten Riesenslalom 13. und ging im zweiten Rennen beim zweiten Lauf nicht mehr an den Start.
Woran arbeitest du derzeit sonst noch in Argentinien?
Ich gewöhne mich noch an die neuen Ski. Ich hatte dieses Jahr schlicht noch keinen richtigen Winterschnee – weder in Zermatt noch auf der Stelvio. Deshalb teste ich aktuell, welchen Ski ich wann brauche. Ausserdem geht es darum, die technischen Abläufe so einzuprägen, dass die Basics sitzen, wenn ich zurückkomme.
Welche technischen Basics stehen dabei für dich im Vordergrund?
Mir geht es vor allem um die Grundtechnik. Ich beherrsche sie zwar, habe mich letzte Saison bei schwierigen Verhältnissen – wie schlechten Pisten – aber manchmal davon abbringen lassen. Jetzt will ich erreichen, dass ich in jeder Situation von meiner Technik profitiere.
Letzte Saison warst du in drei Disziplinen aktiv, in Südamerika fährst du nur Riesenslalom. Ist das deine stärkste Disziplin?
Ja, definitiv. Mein Hauptfokus liegt ganz klar auf dem Riesenslalom.
Das bedeutet, Slalom- oder Super-G-Training sind in Argentinien aktuell kein Thema?
Super-G würde ich gerne noch zwei, drei Tage trainieren, aber es hat im Moment sehr wenig Schnee, weshalb das kaum möglich ist. Deshalb ist es für mich absolut in Ordnung, mich nur auf den Riesenslalom zu konzentrieren.

Du bist jetzt auf eigene Faust mit der Familie Simari Birkner unterwegs. Im April hast du deinen Kaderplatz bei Swiss-Ski verloren. Wie hast du davon erfahren?
Ehrlich gesagt habe ich nach der Schweizer Meisterschaft und einigen Gesprächen schon ein wenig damit gerechnet. Natürlich hofft man bis zum Schluss, dass es reicht. Ich habe mich gedanklich auf das Schlimmste eingestellt, um nicht völlig überrascht zu werden. An einem Morgen kam dann der Anruf von Gruppentrainer Christoph Kienzl, der mir mitteilen musste, dass es nicht gereicht hat.
War der Entscheid für dich trotz des Dämpfers nachvollziehbar?
Absolut. Ich dachte zwar, ich wäre gefasster, aber auf so eine Situation kann man nie ganz vorbereitet sein. Nachvollziehbar war der Schritt aber auf jeden Fall.
Das war sicher keine einfache Situation. Was ging in den Tagen nach dem Anruf in deinem Kopf vor?
Anfangs war da natürlich eine grosse Enttäuschung. Ich habe versucht, mich abzulenken und das Thema erst einmal auf die Zeit nach den Ferien zu verschieben. Trotzdem habe ich recht schnell wieder angefangen, zu planen, bin Skitesten gegangen und habe das Thema abgehakt, um den Blick auf die kommende Saison zu richten.
Ein Rücktritt stand für dich nie zur Debatte?
Nein. Im Februar hatte ich nach extrem schlechten Europacup-Rennen in Norwegen zwar viel nachgedacht. Aber dort traf ich für mich den Entschluss, noch mindestens eine Saison dranzuhängen – selbst wenn ich aus dem Kader fliegen sollte.
Stehst du aktuell noch in Kontakt mit Trainern oder Funktionären von Swiss-Ski?
Ja, ich habe nach wie vor regelmässigen Kontakt mit Christoph und meinem früheren Servicemann.
Wurde dir bereits signalisiert, wie du in der kommenden Saison zu Einsätzen kommst?
Das entscheidet letztlich Beat Tschuor. Er konnte mir zusichern, dass ich bei den ersten beiden Europacups in Zinal sicher am Start stehen kann. Danach wird anhand der Resultate neu entschieden.
Auf deiner Website kommunizierst du klare Ziele. Sind die Top 15 auch die Vorgabe von Swiss-Ski, um wieder ins Kader aufgenommen zu werden?
Die offizielle Selektionsrichtlinie ist ein Platz unter den Top 20. Das deckt sich also im Wesentlichen. Ich wollte das Ziel auf der Website einfach nicht Top 20 nennen. (lacht)

Deine Ziele sind ehrgeizig, auch mit Blick auf den Weltcup. Das passt zu den Eigenschaften, die du dir selbst zuschreibst: konsequent, ehrgeizig, hartnäckig. Sind dir diese Attribute manchmal auch im Weg gestanden, weil du vielleicht zu wenig locker warst?
Das glaube ich weniger. Diese Attribute haben mir in den letzten Jahren in vielen schwierigen Situationen geholfen, nicht aufzugeben. Es gab genug Momente, in denen ich alles hätte hinwerfen und sagen können: 'Es reicht, ich gehe arbeiten.'
Mentale Stärke ist ebenfalls ein Punkt auf deiner Attribut-Liste. Wie trainierst du diesen Bereich?
Auf den Skiern fühlte ich mich in den letzten Jahren mental nicht immer extrem stark. Mein Charakter ist stark, aber auf der Piste hat es manchmal gefehlt. Deshalb habe ich zu einer neuen Mentaltrainerin gewechselt, mit der ich jetzt intensiv arbeite – auch in Anbetracht der Verletzungen in der Vergangenheit.
Du hast dich immer wieder von Verletzungen zurückgekämpft, zuletzt machten dir die Bedingungen zu schaffen. Setzt ihr auch da im Mentaltraining an?
Genau. Das ist aktuell mein Hauptansatzpunkt, an dem wir gezielt arbeiten.
Um deine Saison zu finanzieren, hast du ein Crowdfunding gestartet. Verläuft das erfolgreich?
Ja, mehr als das! Die Idee ist spontan bei einem Abendessen entstanden und wir hatten uns ein bestimmtes Ziel gesetzt. Dieser Betrag wurde schon vor langer Zeit übertroffen, was extrem genial ist.
Auch dein Hauptsponsor hält dir weiterhin die Treue. Was bedeutet dir dieser Rückhalt?
Das ist unglaublich wertvoll. Ich hatte ehrlich gesagt nicht unbedingt damit gerechnet, dass der Vertrag nach einem Kader-Ausschluss weiterläuft. Für meinen Partner war eine Beendigung aber nie ein Thema. Das zeigt auch den familiären und persönlichen Charakter von Volg. Dafür bin ich sehr dankbar.
Ein Wechsel hat es diesen Sommer dennoch gegeben: Du fährst nicht mehr auf Rossignol. Warum der Wechsel?
Ich bin, seit ich vier Jahre alt war, auf Rossignol gefahren, also mehr als zwanzig Jahre. Rückblickend tut mir diese neue Herausforderung mental extrem gut. Bei Rossignol bekam ich jeweils ein Modell in mehrfacher Ausführung geliefert und das war’s. Jetzt auszuprobieren, welches Modell bei welchen Bedingungen am besten funktioniert, ist super spannend. Zudem wäre ich ohne Kaderstatus über Rossignol Schweiz statt Rossignol Frankreich gelaufen. Dadurch hätte ich nicht mehr das gleiche Material wie das Europacup-Team erhalten. In einer so entscheidenden Saison wollte ich aber nicht am Start stehen und wissen, dass ich beim Material nicht das Optimum herausgeholt habe.
Nun fährst du Stöckli. Was hat schlussendlich den Ausschlag für diesen Ausrüster gegeben?
Vor allem der grosse Support. Stöckli hat im Riesenslalom weniger Schweizer Athletinnen unter Vertrag, wodurch sie mir eine bessere individuelle Betreuung bieten können. Rossignol ist nicht schlechter oder besser, sondern es ist mehr eine Frage der Möglichkeiten.
Du bist mit vielen Personen im Skizirkus im Austausch. Wer ist deine wichtigste Ansprechperson, wenn es um deine Form oder deine Gefühlslage geht?
Meine Familie ist meine grösste Stütze. Davon abgesehen bin ich aber niemand, der ständig jemanden zum Reden braucht. Wenn ich ein Problem habe, löse ich es am liebsten selbst. (lacht)
Dein Weg erinnert an jenen von Vanessa Kasper, die nach ihrem Kader-Ausschluss ebenfalls stark zurückkam. Hast du dich mit ihr ausgetauscht?
Ende der letzten Saison haben wir kurz darüber gesprochen, als sich mein Rauswurf abzeichnete. Zuletzt hatten wir weniger Kontakt. Aber sie hat mir damals schon Mut gemacht und betont, dass man als Athletin ohne Kaderstatus im Bereich Sponsoring manchmal sogar flexibler und erfolgreicher unterwegs sein kann.
Man ist wahrscheinlich auch freier in seinen Entscheidungen?
Absolut. Wir sind hier in Argentinien eine ganze Gruppe von Athleten ohne Kaderstatus und haben erst kürzlich darüber gesprochen. Es ist auf eine Art eine grosse Freiheit: Du kannst genau das planen, was du willst, und musst dich vor niemandem rechtfertigen.
Ihr bleibt jetzt noch eine Woche in Argentinien?
Genau, am 25. fliegen wir zurück. Es ist tatsächlich nur noch eine Woche! (lacht)
Wie sieht dein Fahrplan bis zum Saisonstart aus?
Nach der Rückkehr absolviere ich bis Ende September einen Konditionsblock. Danach müssen wir schauen, wie sich die Schneesituation in Saas-Fee entwickelt, wo eigentlich der nächste Schneeblock geplant ist. Zudem werde ich das Gespräch mit Swiss-Ski suchen, um zu prüfen, ob und wo ich mich für gemeinsame Trainings anschliessen kann.
Die Zielsetzung für den Auftakt steht?
Ja. Es beginnt alles in Zinal und dort muss ich schlicht in die Punkte fahren. Alles Weitere wird sich danach zeigen.
Dominic Hodel EXKLUSIV Lara Baumann Ski Alpin Swiss-Ski welovesnow.ch