Nach seiner schweren Knieverletzung steht Marco Kohler wieder voll im Aufbau. Im SRF-Interview spricht der 28-jährige Berner Oberländer über die mentalen Herausforderungen zweier Operationen, Selbstzweifel nach erneuten Rückschlägen und seinen konkreten Fahrplan für das Comeback im kommenden Winter.
Rund fünfeinhalb Monate nach seiner verhängnisvollen Verletzung zeigt sich Marco Kohler optimistisch. "Bis jetzt habe ich einen guten Verlauf gehabt", zieht der Schweizer Speedfahrer eine erste Zwischenbilanz. Der Weg zurück war jedoch extrem intensiv: Kohler musste sich gleich zwei chirurgischen Eingriffen unterziehen - je einer am linken und am rechten Knie.
"Zum Glück waren nur die Kreuzbänder betroffen. Darum bin ich eigentlich noch relativ gut davongekommen und konnte immer auf beiden Beinen stehen", erklärt Kohler rückblickend. Nach den Operationen standen intensive Reha-Phasen auf dem Programm, unterbrochen von einer kurzen Auszeit. Auf einer Einzelreise tankte er mental Kraft und lüftete den Kopf, ehe er vor zwei Monaten wieder voll in das physische Reha- und Aufbauprogramm einstieg.
Im Gegensatz zu früheren Verletzungen resultierte der Ausfall in diesem Jahr nicht aus einem spektakulären Sturz im Fangnetz. Die Verletzung entstand direkt aus einer Fahrsituation heraus - was den Athleten mental besonders forderte und grundlegende Fragen aufwarf.
„Es ist das erste Mal ein bisschen der Gedanke gekommen: Ist mein Körper gemacht fürs Skifahren? Hat mich mein Körper im Stich gelassen?“
Marco Kohler, SRF, 18.07.26
Kohler gibt offen zu, dass ihn diese Situation ins Grübeln brachte: "Ich habe diese Gedanken schnell sortieren müssen, auch im Gespräch mit meinem Umfeld. Aber am Ende musste ich für mich selber entscheiden: Ist das der Weg, den ich weitergehen will, oder ist es ein Zeichen, dass mein Körper zu schwach dafür ist?" Die Antwort fand der Speed-Spezialist in der Auszeit rasch: Er spürte deutlich, dass seine Skikarriere noch lange nicht beendet ist.
Der Sommerfahrplan des Swiss-Ski-Athleten steht fest. Nach einem weiteren intensiven Konditions- und Rehamonat ist für Mitte bis Ende August der erste Schneekontakt geplant. Läuft alles nach Wunsch, fliegt Kohler im September mit der Schweizer Equipe ins Trainingslager nach Chile, um auf Schnee die Rennform aufzubauen.
Das grosse Ziel ist klar gesteckt, auch wenn Kohler keinen unbegründeten Druck aufbauen möchte: "Ende November ist irgendwo der Horizont. Ich werde alles geben, um für die ersten Weltcuprennen parat zu sein." Sollte der Weltcupauftakt noch zu früh kommen, hat die Gesundheit Vorrang. "Ich werde meinem Körper sicher die nötige Zeit geben, bis das Vertrauen da ist und ich wieder voll wettkampfmässig mitfahren kann."
Damian Möschinger Marco Kohler Ski Alpin Swiss-Ski welovesnow.ch