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'Es werden dir im Weltcup eher Steine in den Weg gelegt, als dass sie weggeräumt werden'

Caviezel kämpft um sein Comeback

Nach anderthalb extrem mühsamen Jahren voller Schmerzen und mentaler Herausforderungen blickt der Schweizer Skirennfahrer Gino Caviezel wieder nach vorne. Trotz anhaltender Einschränkungen im Knie verläuft die Vorbereitung auf die neue Saison nach Plan. Das grosse Ziel vor Augen: Der Riesenslalom-Auftakt in Sölden - auch wenn der Weg zurück an die absolute Weltspitze steinig bleibt.

Hinter Gino Caviezel liegt eine Zeit, die ihn nicht nur körperlich, sondern auch mental an seine Grenzen gebracht hat. Rund eineinhalb Jahre prägten Schmerzen, Verzicht und harte Reha-Arbeit den Alltag des 34-jährigen Riesenslalom-Spezialisten. Wenn man den Bündner heute im Sommertraining beobachtet, spürt man jedoch sofort: Der Kampfgeist ist ungebrochen. "Es ist ein langwieriger Weg, aber soweit bin ich zufrieden", zieht Caviezel eine erste Zwischenbilanz in einem Interview mit dem SRF. "Ich mache wirklich meine Schritte vorwärts."

Noch fehlen die letzten Prozente zum Topniveau

Von einhundert Prozent Leistungsfähigkeit ist der Swiss-Ski-Athlet allerdings noch ein Stück entfernt. Das verletzte Knie bereitet im Alltag zwar weniger Sorgen, doch für die extremen Belastungen im Weltcup fehlt noch der Feinschliff. "Es sind einfach gewisse Sachen im Knie, die noch nicht ganz funktionieren", erklärt Caviezel offen. Konkret gehe es dabei um den maximalen Beugewinkel sowie um das perfekte Zusammenspiel der tiefen Muskelfunktionen, die für das absolute Topniveau unerlässlich sind.

Trotz der täglichen Schinderei im Kraftraum und bei den Therapeuten überwiegt die Freude. Caviezel spürt eine neue Lebensqualität, die im vergangenen Winter komplett verloren gegangen war: "Es macht mir Spass im Training. Das Knie verzeiht jetzt wieder ein bisschen mehr. Es sind nicht mehr permanent diese Schmerzen da. Das stimmt mich sehr positiv."

Die dunklen Monate: Ein "No-Go" nach dem anderen

Wie schwer die vergangenen anderthalb Jahre wogen, wird deutlich, wenn Caviezel über die Zeit der totalen Einschränkung spricht. Für einen Spitzensportler, dessen Körper das Kapital ist, war die Hilflosigkeit eine völlig neue Erfahrung. "Du kannst vieles einfach nicht machen", erinnert er sich. "Wenn du die Leute um dich herum rennen und hüpfen siehst, wie sie in extremen Winkeln Kniebeugen machen - das war für mich alles ein No-Go. Da schiesst dir natürlich unweigerlich der Gedanke durch den Kopf: Wie soll ich überhaupt jemals wieder richtig Skifahren oder ein Rennen bestreiten?"

Einen ersten Lichtblick gab es bereits im vergangenen Winter, als Caviezel beim Nachtrennen in Schladming ein emotionales Blitz-Comeback wagte - mehr als dieses eine Rennen war nicht möglich, da er ansonsten seinen Verletztenstatus verloren hätte. Sportlich war das Rennen auf der äusserst eisigen Piste eine brutale Herausforderung. "Ein schwierigeres Rennen bin ich in meiner Karriere wohl noch nie gefahren", gesteht er.

Dennoch war dieser Start rückblickend Gold wert. Es ging nicht um Platzierungen, sondern um das Gefühl: "Es hat einfach gutgetan, die Emotionen zu spüren, am Start zu stehen und den Puls wieder zu fühlen. Das Ergebnis war egal, es war reine Starthilfe für den Weg zurück. Wenn man weiss, von wo ich komme, darf ich stolz auf mich sein. Nach dem Rennen konnten wir uns im Team in die Augen schauen, uns die Hand geben und sagen: So, jetzt geht es weiter."

Die Herausforderung auf Schnee: Vertrauen in die Schläge finden

Nun steht die nächste entscheidende Phase an: der Übergang vom reinen Konditionsblock zurück auf den Schnee. Die schnellen Schwünge an sich seien dabei gar nicht das Problem, so der Riesenslalom-Spezialist. Die wahre Herausforderung liegt in den äusseren Bedingungen eines Weltcup-Hangs.

"Die schnellen Schwünge finde ich meistens schnell wieder", erklärt Caviezel. "Die Frage ist: Kriege ich es auf einer Laufzeit von eineinhalb Minuten hin? Wenn die Pistenunterlage perfekt und kompakt ist, geht es schon ziemlich gut. Aber wenn grosse Wellen drin sind und es unruhig schlägt, braucht das extrem viel Vertrauen." Genau dieses Vertrauen soll in den kommenden vier Monaten akribisch aufgebaut werden. Das grosse Ziel ist es, die intensive Schneevorbereitung komplett mit der Mannschaft zu absolvieren - inklusive des Trainingslagers in Übersee. Stets an Caviezels Seite: Die Physiotherapeuten, um sofort auf Reaktionen des Knies reagieren zu können.

Höhere Startnummer, steiniger Weg - aber die Motivation lebt

Ob es am Ende für ein echtes Traum-Comeback im kommenden Winter reicht, lässt Caviezel bewusst offen. Er weigert sich, unnötigen Druck aufzubauen, und setzt auf Geduld: "Priorität Nummer eins ist es, ruhig zu bleiben, sich selbst treu zu bleiben und auf den Körper zu hören."

Gleichzeitig verleugnet er seinen angeborenen Optimismus nicht. Das Visier bleibt auf den Saisonauftakt gerichtet. "Wer mich kennt, weiss, dass ich ein positiver Mensch bin, der an sich und an das Mögliche glaubt. Ich hoffe natürlich, dass ich in Sölden zu 100 Prozent am Start stehen kann. Vielleicht wird es nicht so sein, wer weiss. Aber ich habe noch Zeit - und aufgeben tue ich als Letztes."

Dass der Weg zurück in die Weltspitze kein Selbstläufer wird, ist dem Routinier bewusst. Durch die lange Pause wird er mit einer deutlich höheren Startnummer ins Rennen gehen müssen, die Pisten werden schlechter sein, die Konkurrenz hat nicht geschlafen. "Es werden dir im Weltcup eher Steine in den Weg gelegt, als dass sie weggeräumt werden. Da bist du maximal gefordert."

Die Heim-WM in Crans-Montana ist noch weit weg

Gefragt nach dem ganz grossen Highlight des kommenden Winters - der Heim-Weltmeisterschaft in Crans-Montana - wiegt Caviezel besonnen ab. Träumereien haben in seiner aktuellen Situation keinen Platz.

"Die Heim-WM ist gedanklich noch ganz weit weg", stellt er klar. "Wenn ich die Saison normal bestreiten kann, ist die Heim-WM natürlich ein riesiges Ziel. Aber für mich zählt jetzt nur die Gesundheit. Ich muss zurückkommen, mich wieder im Weltcup bei den Jungs etablieren und Leistung bringen. Wenn ich das tue, kommt die WM von alleine. Wenn nicht, dann starte ich dort eben nicht - es wäre auch kein Weltuntergang."

Die Motivation schöpft Gino Caviezel nicht aus Medaillenträumen, sondern aus dem nackten Prozess des Zurückkämpfens. "Der Weg ist noch nicht zu Ende, er geht weiter. Und genau das ist das Gute, das ist es, was mich jeden Tag aufs Neue motiviert."

Damian Möschinger Gino Caviezel Ski Alpin Swiss-Ski welovesnow.ch

2026-07-19 14:45:46