sport.ch

Während Pirovano im Rennen zulegt, lässt Trainings-Dominatorin Ortlieb die Punkte liegen

Zwischen Taktik und Vollgas

Im alpinen Ski-Weltcup gibt es eine alte Weisheit: "Das Training gewinnt man im Kopf, das Rennen auf der Piste." Doch während die Weltcuppunkte erst am Renntag verteilt werden, bietet das jeweils letzte Training vor einer Abfahrt - die sogenannte Generalprobe - den spannendsten Einblick in die Formkurve der Speed-Spezialistinnen. Wer pokert nur? Wer hat das Material bereits perfekt abgestimmt? Und wer schüchtert die Konkurrenz schon vor dem Startschuss ein?

Wir haben für die Saison 2025/26 eine besondere Statistik erstellt. In unserer Wertung zur "Trainingsweltmeisterin" zählen ausschliesslich die Resultate der Abschlusstrainings. Bei den Frauen flossen insgesamt acht dieser entscheidenden Läufe in die Wertung ein. Das Ergebnis ist eine Rangliste, die teils überrascht, teils tief in die taktische Trickkiste der Top-Stars blicken lässt.

Zur Information: Berücksichtigt wurde nur das jeweils letzte Training vor einer Weltcup-Abfahrt. In der Saison 2025/26 waren dies acht Termine, nämlich in St. Moritz, Val d'Isère, Zauchensee, Tarvisio, Crans-Montana, Soldeu, Val di Fassa und in Kvitfjell. Beim letzten Training des Winters in Norwegen haben wir nur den Top 15 Punkte gewährt, so wie es beim Weltcupfinale üblich ist.

Nina Ortlieb: Die unangefochtene Trainingsdominatorin

Wenn es um die reine Geschwindigkeit im Training geht, spielte Nina Ortlieb in diesem Winter in einer eigenen Liga. Die Österreicherin, die in ihrer Karriere immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen wurde, zeigte 2025/26 eine beeindruckende Konstanz in den Vorbereitungsläufen. Mit 499 Punkten führt sie unsere Tabelle mit gigantischem Vorsprung an.

Ortlieb ist eine Fahrerin, die den "Rhythmus" der Strecke benötigt. Sie nutzt das Abschlusstraining nicht zum Taktieren, sondern um das Limit der Strecke auszuloten. Das spiegelte sich in gleich drei Trainingssiegen in Crans-Montana, Soldeu und Val di Fassa wider. Für die Konkurrenz war das oft ein Warnsignal: Wenn Ortlieb im Training die Bestzeit setzte, war sie auch für das Rennen die Messlatte. Nur hat sie ihre Trainingsleistungen viel zu selten im Rennen bestätigen können. Sie besitzt eigentlich den Grundspeed, um in jeder Abfahrt mit den Schnellsten mithalten zu können. Dies will sie im nächsten Winter auch regelmässiger in den Rennen zeigen.

Hinter Ortlieb sicherte sich Kira Weidle-Winkelmann (GER) mit 433 Punkten den zweiten Platz. Die Deutsche gilt als Ästhetin auf dem Ski, die im Training extrem akribisch an der Aerodynamik arbeitet - ein Einsatz, der sich in dieser Statistik deutlich niederschlägt. Sie taktiert nicht gross, sondern will sich bereits in den Übungsfahrten das Selbstvertrauen holen, um dann auch am Renntag mit einem guten Gefühl am Start stehen zu können. Die 30-Jährige fuhr bis auf eine Ausnahme in sämtlichen Abschlusstrainings in die Top 10.

Eine, die ebenfalls bereits im Training das Risiko sucht, ist Ester Ledecka. Die Tschechin gilt als Draufgängerin, die gewissermassen in jedem Lauf Vollgas gibt. Das Taktieren liegt eher nicht in ihrer Natur.

Die Trainingstabelle sieht wie folgt aus:

1. Nina Ortlieb (AUT) - 499 Punkte
2. Kira Weidle-Winkelmann (GER) - 433 Punkte
3. Ester Ledecka (CZE) - 341 Punkte
4. Sofia Goggia (ITA) - 292 Punkte
5. Kajsa Vickhoff Lie (NOR) - 271 Punkte
6. Nicol Delago (ITA) - 260 Punkte
7. Breezy Johnson (USA) & Ariane Rädler (AUT) - je 230 Punkte
9. Ilka Stuhec (SLO) - 215 Punkte
10. Laura Pirovano (ITA) - 211 Punkte

Pirovano: Von der Trainings-Zehnten zur Kugel-Gewinnerin

Besonders interessant ist der Blick auf Platz 10: Laura Pirovano. Die Italienerin ist das perfekte Beispiel dafür, dass man nicht jedes Training gewinnen muss, um am Ende der Saison ganz oben zu stehen. Während sie in unserer Trainings-Wertung mit 211 Punkten "nur" den zehnten Rang belegt, räumte sie im echten Weltcup richtig ab. Pirovano sicherte sich in der Saison 2025/26 die kleine Kristallkugel in der Abfahrt.

Ihre Strategie war offensichtlich: Im Abschlusstraining stabil unter den Top 15 landen, die Linie bestätigen, aber die letzte Risikobereitschaft für den Renntag aufsparen. Diese Abgeklärtheit machte sie zur konstantesten Abfahrerin des Winters. Aufs Trainingspodest fuhr sie nie, während sie im Weltcup die letzten drei Abfahrten der Saison gewinnen konnte.

Die Taktikerinnen: Wo sind Aicher, Hütter und die Schweizerinnen?

Wer die Top 10 studiert, vermisst einige der ganz grossen Namen. Wo stecken die Fahrerinnen, die im Rennen regelmässig um das Podest mitfahren? Die Antwort lautet: Sie sind die Meisterinnen des Taktierens.

Emma Aicher (GER): Das deutsche Ausnahmetalent taucht in den Top 10 der Trainingsweltmeister gar nicht auf. Aicher ist bekannt dafür, im Training nicht ans Limit zu gehen. Sie benötigt das Rennadrenalin, um die entscheidende Zeit aus sich herauszukitzeln. Ihr Fokus liegt zu 100 % auf dem Renntag - im Training lässt sie sich nicht in die Karten schauen.

Conny Hütter (AUT): Auch die routinierte Österreicherin ist eine klassische "Rennpferdin." Hütter schont im Training oft ihre Kräfte und minimiert das Risiko, um erst dann voll anzugreifen, wenn es um Weltcuppunkte geht. Sie sagt selbst von sich, dass sie alles andere als eine Trainingsweltmeisterin sei.

Swiss-Ski: Wie in der richtigen Abfahrtswertung schafft es auch in der Trainingstabelle keine Schweizerin in die Top 10. Joana Hählen war mit 143 Punkten die fleissigste Punktesammlerin in den Trainings, dicht gefolgt von Corinne Suter (135 Punkte), die wegen einer Verletzung auch erst verspätet in den Winter starten konnte. Die Schwyzerin ist ohnehin selten eine, die bereits im Training ganz vorn auftaucht. Die mittlerweile 31-Jährige verlässt sich auf ihre Erfahrung, dass sie an den Renntagen immer eine Schippe drauflegen kann.

Fazit: Training ist Silber, Rennen ist Gold

Hätte Nina Ortlieb ihre Trainingsresultate jeweils auch in den Rennen bestätigen können, würde jetzt womöglich die Österreicherin über ihre erste Abfahrtskugel jubeln. Es bringt rein sportlich gesehen letztlich nichts, wenn man nur im Training vorn dabei ist, denn abgerechnet wird in den Rennen. Klar ist aber, dass man die Österreicherin für den nächsten Winter auf der Rechnung haben muss, die nötige Grundgeschwindigkeit, um mit den Besten mithalten zu können, ist bei ihr definitiv vorhanden. Bei den Männern darf sich der Schweizer Alexis Monney "Trainingsweltmeister" nennen.

Ariane Rädler Breezy Johnson Corinne Suter Cornelia Hütter Damen Abfahrt Damian Möschinger Deutscher Skiverband Emma Aicher Ester Ledecka Federazione Italiana Sport Invernali Ilka Stuhec Joana Hählen Kajsa Vickhoff Lie Kira Weidle Laura Pirovano Nicol Delago Nina Ortlieb Norges Skiforbund Ski Alpin Ski Austria Sofia Goggia Swiss-Ski US Ski Team welovesnow.ch

2026-04-10 13:30:06