Bevor es für den Weltcup-Tross bald in die wohlverdienten Sommerferien geht, stehen in Sun Valley noch die letzten acht Rennen der Saison an. Beim Weltcupfinale wird ein letztes Mal um Punkte, Podestplätze und Siege gekämpft, für einige geht es gar um noch mehr.
Im Weltcup der Frauen gestaltet sich die Ausgangslage äusserst spannend. Zwar ist Federica Brignone der Gesamtweltcup nur noch rechnerisch und rein theoretisch zu nehmen, tatsächlich geht es aber in jeder einzelnen Disziplin noch um die kleine Kristallkugel. Bedeutet auch: Federica Brignone könnte die grosse Kugel holen ohne eine einzige kleine Kugel zu gewinnen. Was historisch und äusserst selten klingt, hat Mikaela Shiffrin tatsächlich 2022 auch geschafft.
Die Chance, dass nach einer Abfahrt "Il Canto degli Italiani", die Nationalhymne unseres südlichen Nachbarlandes gespielt wird, war in dieser Saison ohnehin immer gross, beim Saisonfinale steigt diese allerdings auf eine über 66-prozentige Chance, denn zwei von drei möglichen Kugelgewinnerinnen kommen aus Italien.
Federica Brignone führt die Rangliste der besten Abfahrerinnen der Saison zurzeit hauchdünn an, auf der Lauer liegt die Österreicherin Cornelia Hütter mit 16 Punkten Rückstand. Die zweite grosse italienische Figur, Sofia Goggia, darf mit 34 Punkten Rückstand allerdings definitiv auch noch nicht abgeschrieben werden. Tatsächlich gibt es gleich 37 verschiedene Szenarien in der Entscheidung zwischen den drei Topathletinnen, die wir im hier verlinkten Artikel zusammengetragen haben.
Für die restlichen Fahrerinnen geht es in der letzten Abfahrt nicht mehr um sehr viel, einzig Ruhm und ein bisschen Geld. Die "Chocolate-Medal" könnten gleich neun Fahrerinnen noch erfahren, natürlich mit unterschiedlich grossen Ambitionen. Lauren Macuga und Lara Gut-Behrami haben da die grössten Chancen, Ilka Stuhec die kleinsten.
Besonders brisant ist natürlich die Möglichkeit, dass Sofia Goggia ihrer Teamkollegin tatsächlich noch die Kugel wegschnappen könnte. Nadja Jnglin-Kamer beschreibt die Situation: "Der interne Kampf um die Kugel ist natürlich auf eine Art immer schön, das ist jetzt auch bei den Speed-Herren so. Aber schlussendlich zählt nachher, wer sie hat. Schlussendlich sind es Einzelsportler und jeder will die zuhause haben. Ich denke, es sind beide genug faire Sportlerinnen, dass sie es dann auch akzeptieren, wenn man sie nicht hat."
Das Schweizer Team hat in einer schwierigen Saison immerhin noch vier Ränge in den Top-25 sichern können. Was nach einer mageren Ausbeute klingt, müsse man auch relativieren, denn nach Jahren, in denen man mit Podestplätzen verwöhnt wurde, konnte Joana Hählen noch nicht an die alte Form anknüpfen, Jasmine Flury kam in dieser Saison gar nicht zurück.
Ähnlich spannend, allerdings etwas einfacher zu berechnen, ist die Ausgangslage im Super-G. Hier beschränkt sich das Ganze auf einen Zweikampf zwischen Federica Brignone und Lara Gut-Behrami, die ihre insgesamt sechste Super-G-Kugel holen möchte. Sie hätte damit den alleinigen Rekord und würde Katja Seizinger und Lindsey Vonn davonziehen.
Dazu muss sie allerdings im Rennen vom Sonntag zwingend einen Platz vor, ab dem vierten Rang gar zwei Ränge vor Federica Brignone sein, denn sie hat einen Rückstand von fünf Punkten wettzumachen. Bei Punktgleichstand würde die kleine Kugel an die Italienerin gehen, da diese mit drei Siegen gegenüber einem der Tessinerin die Nase vorne hat.

Dahinter muss sich Lara Gut-Behrami gegenüber Sofia Goggia verteidigen, obwohl es einem Skiwunder gleich würde, wenn die Italienerin Gut-Behrami noch überholen würde. Die Differenz zwischen den beiden beträgt zurzeit 99 Punkte, Goggia müsste also gewinnen, während Gut-Behrami ausscheiden müsste.
Allerdings kann die Landsfrau der Leaderin volles Risiko gehen, denn von hinten droht keine Gefahr bezüglich der Bronzemedaille. Der Vorsprung auf die Viertplatzierte Kajsa Vickhoff Lie beträgt 171 Punkte, eine halbe Weltreise, wie der Rest der Tabelle zeigt. Denn was die Differenz zwischen Rang 3 und Rang 4 bedeuten kann, ist auch fast die Differenz zwischen Rang 4 und Rang 17.
Aus Schweizer Sicht darf man sicher Hoffnung haben auf den Schweizer Triumpf. Wie Nadja Jnglin-Kamer gehört hat, sei es in Sun Valley steil und kalt, worin Silvan Zurbriggen eher Vorteile für Lara Gut-Behrami sieht. Er betont aber auch, dass die Form eindeutig für Federica Brignone spricht.
Zudem war schön zu sehen, dass Joana Hählen sich im letzten Moment noch qualifizieren konnte. "Das war wirklich letzte Eisenbahn", meint Silvan Zurbriggen und führt weiter aus: "Es braucht auch manchmal ein bisschen Glück und dieses Glück hat sie gepackt. Sie hat aber auch eine Superleistung gezeigt." Es sei sicherlich wegweisend gewesen für die Frau aus der Lenk.
Eine weitere Wertung, die viel Brisanz für das letzte Rennen verspricht. Nur durch 20 Punkte werden die besten beiden Fahrerinnen getrennt, was ja bekanntlich auch der Punkteabstand zwischen Rang eins und zwei oder Rang zwei und drei darstellt. Es könnte zu einer ganz bitteren Sache werden für Alice Robinson.
Denn zurzeit liegt die Neuseeländerin noch 20 Punkte vor Federica Brignone, zudem hat sie das Podest in dieser Saison nur ein einziges Mal verpasst. Allerdings konnte sie auch nur einmal die oberste Stufe des Podestes erklimmen, was einen Sieg in der Disziplinenwertung bei Punktegleichstand zur Unmöglichkeit macht.
Brignone ihrerseits hatte nämlich eine Riesenslalom-Saison der gemischten Gefühle. Gleich dreimal schied die Italienerin aus, kam sie allerdings bis ins Ziel, so durfte sie auch gleich den Sieg bejubeln. Fünf komplettierte Rennen, fünf Siege - ein Wert, der eigentlich reichen sollte. Gewinnt aber Robinson, so war dies alles umsonst.
Hinter den beiden klafft eine doch relativ grosse Lücke von 113 Punkten zum Kampf um Platz 3 auf, den Sara Hector, Lara Colturi und Thea Louise Stjernesund gemeinsam austragen werden. Die Vorteile liegen dabei bei der Schwedin, Colturi und Stjernesund zeigten sich allerdings seit der WM in besserer Form.
"Die Karten sind auch hier bei Federica und ich glaube, im Riesenslalom ist sie wirklich unsterblich, wenn sie ins Ziel kommt", ist sich Silvan Zurbriggen sicher. Allerdings müsse man den Ausgang der Speedrennen abwarten, denn wie Nadja Jnglin-Kamer bereits zuvor betonte, stellt sie sich die Situation der Italienerin extrem "taff" vor, da diese in gleich drei Rennen Vollgas geben muss.
"Ich habe das Gefühl, sie kann sehr gut mit Druck umgehen, ist schon mehr in einer solchen Situation gewesen als Alice - es wird sicher spannend", sagt unsere Expertin zusätzlich. Man stelle sich vor, Brignone gewinnt keine einzige kleine Kugel, dafür aber die grosse. Eine Seltenheit? Nein. Denn bereits 2022 schaffte dies Mikaela Shiffrin, die im Slalom hinter Petra Vlhova Zweite wurde, im Riesenslalom hinter Tessa Worley und Sara Hector Dritte und im Super-G hinter Federica Brignone und Elena Curtoni ebenfalls Dritte.

Im Slalom hat die Schweiz gleich doppelte Hoffnungen auf die kleine Kugel. Zwar muss man sagen, dass die Chance der viertplatzierten Wendy Holdener äusserst klein ist, allerdings kann im Slalom ja bekanntlich schnell sehr viel passieren.
Die Pole-Position hat allerdings die Kroatin Zrinka Ljutic inne. 41 Punkte beträgt der Vorsprung von "Zizi" auf Camille Rast, was gleichbedeutend mit der Ausgangslage ist, dass Ljutic die Kugel auf sicher hat, wenn sie am kommenden Donnerstag aufs Podest fährt. Auch wenn die Kroatin ausscheiden sollte, so müsste Rast das Rennen mindestens auf Rang 5 beenden, alles andere wäre zu wenig.
Nur auf diese beiden konzentrieren darf man sich allerdings nicht. Katharina Liensberger liegt nur zehn Punkte hinter Rast auf Rang 3, hat also auch noch realistische Chancen auf die kleine Kugel. Sie muss allerdings zwingend aufs Podest fahren und auf Patzer der beiden Konkurrentinnen hoffen. Holdener bräuchte durch ihren Rückstand von 96 Punkten einen Sieg und gleichzeitig drei Ausfälle der Konkurrentinnen.
Gleichzeitig müssen die drei aufpassen, dass sie nicht gar noch ganz vom Podest verdrängt werden, denn auch Lena Dürr und Mikaela Shiffrin sind da noch im Rennen, vor allem Liensbergers Punktzahl ist durchaus noch zu übertrumpfen, wenn Shiffrin so weiterfährt, wie sie es zuletzt getan hat.
Silvan Zurbriggen traut Rast im Slalom von Sun Valley eine Aufholjagd auf Zrinka Ljutic "ganz klar" zu. Die Walliserin liebe es, wenn der Schnee ein wenig bissig sei, so wie es in Nordamerika der Fall sein solle. Er glaubt gar, dass seine Kantonskollegin die Wertung anführen würden, wenn sie in Sestriere nicht gestürzt wäre.
Jnglin-Kamer warnt stattdessen zur Vorsicht: "Ich glaube, da kommt es fast mehr darauf an, was Ljutic macht. Camille kann noch so gut fahren, wenn sie (Ljutic, Anm.d.Red.) auch liefert, dann hat Camille die Chance nicht." Egal was Ljutic zeigen kann, müsse Rast alles geben und auf Sieg fahren.
Wie die Ausgangslage für die Rennen der Männer aussieht, könnt ihr hier lesen.
Alice Robinson Ariane Rädler Breezy Johnson Camille Rast Corinne Suter Cornelia Hütter Dominic Hodel Elena Curtoni Emma Aicher Ester Ledecka Fédération française de ski Federazione Italiana Sport Invernali Federica Brignone Ilka Stuhec Kajsa Vickhoff Lie Katharina Liensberger Lara Colturi Lara Gut-Behrami Laura Pirovano Lauren Macuga Lena Dürr Mikaela Shiffrin Romane Miradoli Sara Hector Ski Ski Alpin Ski Austria Stephanie Venier Swiss-Ski Thea Louise Stjernesund welovesnow.ch Wendy Holdener Zrinka Ljutic