Samuel Giger hat am vergangenen Wochenende den Kilchberger Schwinget zum zweiten Mal in Serie gewonnen. Im Exklusivinterview hat der Nordostschweizer die letzten Monate Revue kapitulieren lassen und auch einen Ausblick gewagt.
Vor wenigen Tagen standest du noch im Schlussgang. Wie tönt Sieger vom Kilchberger-Schwinget 2026 mittlerweile in deinen Ohren?
Samuel Giger: “Das klingt super. Aber ich brauche nach wie vor immer noch ein bisschen, um es wirklich genau einordnen zu können. Mittlerweile habe ich schon ein Stück weit realisiert, was ich da am Samstag erreicht habe.”
Wann war das erste Mal der Moment, als du es wirklich realisiert hast?
“Das ist in den letzten zwei Tagen schleichend gekommen, wenn man mit der Familie darüber geredet und im Umfeld die Tage durchgenommen hat. So hat man langsam gemerkt: Jawohl, das ist schon etwas Grosses gewesen.”
Ich nehme an, du hattest einige Medientermine und Nachrichten.
“Es hat sich quasi in einem angenehmen Rahmen gehalten bis jetzt. Es ist auch noch nicht ganz fertig, wenn ich ehrlich bin. Ich habe viele Nachrichten auf WhatsApp bekommen, sehr viele schöne Reaktionen auch über meine Frau oder allgemein über die Familie. Das ist natürlich sehr schön.”
Gibt es eine Nachricht, die dich speziell berührt hat?
“Ich habe sehr viele schöne Nachrichten bekommen, bei denen ich sagen musste: Doch, es freut mich, wenn die Leute das so mitverfolgen und nachher Freude haben, wenn es einem läuft und es einem gönnen.”
Was bedeutet dir der Sieg persönlich, abgesehen vom sportlichen Erfolg?
“Der sportliche Erfolg ist etwas vom Grössten, was man bei uns im Schwingen erreichen kann. Dass ich es mit der Vorgeschichte und der Verletzung geschafft habe, den Fokus zu behalten und am Tag X mein Maximum abrufen zu können und zu zeigen, dass ich über Jahre schon sehr gut arbeite und das so aufgeht, ist wunderbar.”
Du hast schon so viele Erfolge feiern können. Wo stufst du den zweiten Kilchberger-Sieg in deiner Karriere ein?
“Ich habe das Unspunnen gewonnen und jetzt das Kilchberger. Das gehört sicher zum Grössten, was ich geschafft habe, da muss ich ehrlich sein. Ein eidgenössischer Anlass ist nicht oft, da gibt es nicht so viele Chancen zur Teilnahme. Wenn man es dann gewinnen kann, steht das bei uns Schwingern ganz zuoberst.”
Wie hat sich der erste Gang angefühlt nach deinem Comeback?
“Der hat sich gut angefühlt. Ich konnte mich super fokussieren, ich hatte eine gesunde Anspannung, was das Schwingfest und meine Situation mit sich bringen. Ich habe mich gut gefühlt.”

Du hast zuerst zwei Siege erkämpft, ehe du dann im dritten Gang gegen Michael Ledermann verloren hast. Hast du schon im Vorfeld gewusst, dass das ein knapper Gang werden könnte oder wurdest du im Bodenkampf davon überrascht?
“An so einem Kilchberger Schwinget muss man bei jedem Gang davon ausgehen, dass es knapp werden kann, weil die absolut besten Schwinger da sind, die gesund sind. Mit seinem Schwingstil ist bekannt, dass er sehr wenige Gänge verliert. Das war sicher eine knackige Nuss zum Bezwingen. Bei ein, zwei Zügen war ich nahe dran, habe es aber nicht ganz geschafft. Dann hat er mich am Boden erwischt, da war ich zu wenig gut in der Verteidigung.”
Nachher im vierten Gang stellte dein NOSV-Kollege Damian Ott gegen Fabian Staudenmann, gleichzeitig banden mit Martin Roth und Andy Signer zwei weitere Nordostschweizer Michael Ledermann zurück. Wie wichtig war dies für den Verlauf deines Festes?
“Wenn Konkurrenten einen Gang liegen lassen und stellen, ist das etwas Positives für mich. Aber man muss am Schluss seine Gänge immer selbst schwingen. Während der Gänge war mir das gar nicht so bewusst, weil ich wirklich voll bei mir war und mich auf meine Sachen konzentriert habe.”
Das heisst, du hast die Gänge deiner Verbandskollegen weniger verfolgt.
“Wenn ich auf dem Platz bin, sehe ich die Gänge vor mir. Wenn die Nordostschweizer nach mir geschwungen haben, habe ich auch zugeschaut. Aber sonst schaue ich keine Ranglisten oder andere Einteilungen an. Ich versuche, den ganzen Tag im Hier und Jetzt zu sein und mich voll auf meinen Job zu konzentrieren.”
Gibt es trotzdem Austausch unter euch Nordostschweizern?
“Wenn man gegen einen Gegner schwingt, den ein anderer von uns vorher hatte oder am letzten Schwingfest hatte, gibt es einen Austausch. Man versucht, herauszuspüren, wie der Gegner greift oder wie sich der Gang angefühlt hat. Ein solcher Austausch findet sicher statt.”
Beim Kilchberger hattest du auch Unterstützung von deinem Hypnotiseur, sprich Mentaltrainer, sowie dem Athletiktrainer. Wie war die Zusammenarbeit am Samstag?
“Wir haben ganz normal das Warm-up gemacht, wie vor jedem einzelnen Gang. Nachher geht es darum, in den richtigen Modus zu kommen. Das heisst: nicht dem nachzustudieren, was vergangen ist, und nicht zu weit vorauszueifern. Man muss voll im Moment sein. Das fällt mir leichter, wenn Adrian und Goran dabei sind und mich unterstützen können. Dann kann ich wirklich voll bei mir selbst sein.”
Wie wichtig war die Hypnose in den letzten paar Wochen?
“Die Hypnose ist natürlich ein Baustein von vielen, die stimmen mussten. Das Wichtigste ist nach wie vor das Schwingtraining selbst. Zudem müssen die Athletik, der Kopf, die ganze Ernährung, die Erholung, der Schlaf und das Essen stimmen. Jeder Baustein ist wichtig. Wenn nur einer nicht auf 100 Prozent ist, ist ein solcher Erfolg nicht mehr möglich.”
"Die Verletzung hat viel Zeit für die Reha in Anspruch genommen. Es ist mir sicher zugutegekommen, dass ich den ganzen Tag und die ganze Woche voll dafür habe einsetzen können."
Giger über die Vorteile des Profitums
Wie muss man sich die Hypnose bei einem Schwinger vorstellen?
“Das ist ein Zustand von Entspannung, in dem man im Unterbewusstsein arbeiten kann. Man kann so Emotionen bündeln und im richtigen Moment die richtigen Emotionen abrufen.”
Hast du mehrere Baustellen bekämpft oder gelöst, oder gab es immer wieder dieselben Themen, die angesprochen wurden?
“Hauptsächlich ist es darum gegangen, das Vertrauen in die Schulter zurückzugewinnen und das Selbstvertrauen noch mehr zu stärken, damit man den Fokus voll auf den Samstag auslegen kann.”
Wie sehr half dir deine Selbstständigkeit als Schwinger, dich noch mehr auf das Comeback zu konzentrieren?
“Das ist mir diesen Sommer sicher zugutegekommen. Die Verletzung hat viel Zeit für die Reha in Anspruch genommen. Es ist mir sicher zugutegekommen, dass ich den ganzen Tag und die ganze Woche voll dafür habe einsetzen können.”
Zerrung in der Schultermuskulatur: Was geht einem Sportler bei einer solchen Diagnose wie deiner durch den Kopf?
“Im Moment, wenn es im Training passiert, denkt man natürlich zuerst negativ: Hat das wirklich sein müssen? Sobald man die Diagnose kennt und weiss, wie lange es ungefähr dauert, kann ich das Negative persönlich sehr gut abhaken. Ich richte den Blick wieder nach vorn und weiss genau: Jetzt muss ich erst recht dahinter. So konnte ich mich voll darauf konzentrieren.”
Gibt es etwas während der Verletzungszeit, was dich zu einem noch besseren Schwinger macht?
“Konkret kann ich nichts hervorheben. Aber die ganze Situation zeigt mir im Nachhinein, dass ich mit so einer Verletzung gut umgehen und mich voll fokussieren kann. Das ist eine Erfahrung mehr im Rucksack, die mir in Zukunft Sicherheit gibt und mich optimistisch nach vorn blicken lässt.”
Mit dem Kilchberg-Sieg erhältst du die Bestätigung, dass du auf dem richtigen Weg warst.
“Definitiv. Der Samstag war das bestmögliche Ergebnis, das eintreffen konnte. Es hätte wirklich nicht besser laufen können. Es war eine Punktlandung.”
Du hast dein Comeback erfolgreich gemeistert. Anders hat es bei Matthias Aeschbacher ausgesehen, der nach drei Gängen aufgegeben hat. Was hättest du gemacht, wenn es bei dir nicht so erfolgreich gelaufen wäre?
“Matti hat ja nicht aufgehört, weil er drei Niederlagen hatte. Ich gehe davon aus, dass er sich körperlich eine Blessur eingefangen hat, die es nicht mehr möglich gemacht hat. In meinem Fall: Wenn ich schwingen kann und körperlich fit bin, es aber trotzdem nicht läuft, mache ich den Wettkampf schon fertig.”
Jetzt ist das Saison-Highlight vorbei. Wie geht es bei dir weiter?
“Ich mache sicher zuerst einmal Trainingspause. Danach setze ich mich hin und schaue, wie es weitergeht. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.”
Nächste Saison findet kein eidgenössischer Anlass statt. Hast du spezielle Ziele für das nächste Wettkampfsjahr?
“Ich muss zuerst schauen, welche Schwingfeste ich machen möchte und wie das Ganze anläuft. Das letzte Mal ohne eidgenössischen Anlass war 2018. Da war der Schwägalp-Schwinget mein letztes Kranzfest. Das war ein Highlight, weil die Berner und Innerschweizer dabei waren. Ich denke, das wird nächstes Jahr ähnlich sein, dass der Schwägalp-Schwinget wahrscheinlich meinen Kranzfest-Abschluss bilden wird und man den Fokus darauf legt.”
Woran möchtest du im Training für die nächste Saison schleifen?
“In den nächsten Tagen setze ich mich in Ruhe mit meinem Umfeld hin. Wir müssen zuerst analysieren, wie das ganze Jahr verlaufen ist, unsere Schlüsse daraus ziehen und schauen, wo es Sachen zu verbessern gibt. Aber klar: In der Technik kann man sich immer verbessern, und die Schwünge, die gut gehen, muss man nach wie vor festigen.”
Mittlerweile bist du Spitzenschwinger. Wie hat sich dein Alltag verändert, da du keinen Job mehr nebenbei hast?
“Spitzenschwinger, so wie ich es betreibe, ist ein 24/7-Job. Das hört nicht auf, wenn das Training fertig ist. Da gehören Training, Erholung, Essen, Schlaf, Trinken, Regenerieren und Fokussierung dazu. Darum bin ich sehr gut ausgelastet.”
Hast du dir beim Schritt in die Selbstständigkeit überlegt, wie lange du das machen wirst?
“Nein, das wird von Saison zu Saison angeschaut. Ich schaue, wie es der Körper wegsteckt und wie fest ich mich motivieren kann, um meine Ziele zu erreichen. Ich schaue da von Jahr zu Jahr.”
Du hast das Kilchberger und das Unspunnen gewonnen. Das Einzige, was nun noch fehlt, ist der Schwingerkönig-Titel.
“Ja, genau. Ich freue mich schon jetzt aufs ESAF 2028 in Thun. Nun steht aber zuerst etwas Erholung und Ferien an.”
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