Der Nati-Kader für die Heim-WM steht. Bei der Auswahl seiner 25 Spieler für das Grossturnier stösst Jan Cadieux allerdings nicht nur auf Begeisterung, sondern erntet teilweise auch Kritik. Seine Wahl hat allerdings seine Gründe, wie zwei der grössten Fachleute der Schweiz gut bestätigen können.
Wenig Überraschungen gab es im Tor. Dort sind mit Leonardo Genoni, Reto Berra und Sandro Aeschlimann jene drei Goalies nominiert, die bereits nach den Playoff-Finals im Aufgebot standen. Eine schwierige Entscheidung steht Cadieux allerdings noch bevor: die Wahl der Nummer 1.
In unserem Vodcast "Chasing Gold" haben Experte Thomas Roost und Sven Leuenberger, Sportchef bei den ZSC Lions, eine klare Tendenz: "Vielleicht von seiner Erfahrung als Nummer 1 in der Nati, ja", sagt Leuenberger über Leonardo Genoni. Roost streicht derweil trotz verhältnismässig "mittelmässiger" Saison von Genoni die Olympischen Spiele heraus. Zudem meint Leuenberger, dass Genoni noch am frischesten sein dürfte, da er in dieser Saison von allen am wenigsten Spiele absolviert hat.

Tatsächlich hat es mit Leonardo Genoni und Reto Berra bei Olympia bestens funktioniert. Nun ist allerdings Sandro Aeschlimann für Akira Schmid gekommen, was sich dieser auch völlig verdient hat. Leuenberger sagt zum HCD-Goalie: "Wir haben jetzt noch Schmerzen von Aeschlimanns Paraden gegen uns. Und ja, ich glaube, er hat aus meiner Sicht in dieser Saison gezeigt, dass er ein Nati-Goalie ist."
Auch in der Verteidigung nahm Cadieux im Vergleich zu den Olympischen Spielen nur wenige Änderungen vor. Mit Roman Josi, Janis Moser, Dean Kukan, Christian Marti und Tim Berni hat er gleich fünf Spieler mitgenommen, die bereits im Februar Teil des Teams waren. Baustellen hatte er durch die Verletzungen von Jonas Siegenthaler, Andrea Glauser und Michael Fora aber trotzdem zu beheben.
Vor allem der Ausfall von Jonas Siegenthaler, der gemäss Leuenberger defensiv mit Christian Marti die Nummer 1 gewesen wäre, hatte grossen Einfluss auf die Konstellation in der Verteidigung. "Offensiv haben wir alles mit dabei, weswegen wir bei der WM mit dem Puck-Movement sogar noch besser sind als an den Olympischen Spielen", so Leuenberger weiter.
In der Tiefe tun zwar die Ausfälle von Siegenthaler und Glauser weh, am "Top-End der Pyramide" sei man allerdings mit Josi und Moser super aufgestellt. Wenn es "um die Fleischtöpfe" gehe, könne man dies aber kompensieren, behauptet Roost. Ab den Viertelfinals werden die Top-Verteidiger meistens sowieso forciert, weswegen die Ausfälle von Siegenthaler und Co. weniger ins Gewicht fallen. "Aber es fällt schon auf, dass man jetzt mehr spielerische Klasse hat, aber weniger Physis. Und ob sich das bezahlt macht, das wird sich dann zeigen."
Womöglich könnte es an der WM zu einem Problem werden, dass man die Ausfälle kompensieren kann, allerdings nicht 1-zu-1, sondern eben mit einem besseren Offensivspiel. "Was international oder eben in diesen Finalspielen entscheidend ist: Du kommst im heutigen Hockey oft in Situationen, dass du 30 Sekunden bis zu einer Minute in der Defensivzone bist. Und dann benötigst du Verteidiger, die das Spiel stoppen können, also dieses 'Hit and Pin'." Siegenthaler, Glauser und Fora wären eben genau solche gewesen, die das hätten tun können, was jetzt mit Sven Jung, Lukas Frick und Dominik Egli weniger vorhanden ist.
"Aber man darf dafür auch sagen: Wir haben wahrscheinlich selten eine so gute 'Puck Moving Defense' gehabt, also diejenigen, die den ersten Pass spielen können - ich sage nicht blind, aber sie haben das Talent mitbekommen. Und wenn ich da zum Beispiel einen Egli oder einen Frick anschaue, sind das sicher zwei Top-Shots für die Schweiz, die jederzeit auch einen tödlichen Steilpass geben können", sagt Leuenberger mit Spannung darauf, wie die Nati diese Stärken nutzen kann.

Nach dem Wechsel von Patrick Fischer zu Jan Cadieux erwartet Roost beim neuen Spiel etwas mehr taktische Einflüsse. "Er ist sicher ein Coach, der sich minutiös auf alle Situationen vorbereitet." Cadieux müsse noch die Stärken und Schwächen seines Kaders genau kennenlernen und hoffen, dass die Top-Shots - anders als noch bei Olympia - verletzungsfrei durch die Gruppenphase kommen, denn: "In den K.o.-Spielen ist immer alles möglich." Auch Roost erwartet eine schwächere Physis bei der Schweizer Nati, dafür mehr spielerische Qualität.
Ein interessantes Detail, was die Linienzusammenstellung betrifft, verrät Leuenberger dann noch. Zwar sei es üblich, dass ein Linksschütze auch links spielt, weil "er einfacher Pässe auf die linke Seite spielen kann, da der Winkel besser ist", allerdings müsse dies für den Erfolg nicht zwingend so sein.
Da kommt Videocoach Benoît Pont ins Spiel. Dieser hat nebenbei ein Business, bei dem er abklärt, welches Auge das stärkere ist. Wenn bei einem Spieler das rechte Auge besser ist, könne es auch sein, dass dieser Spieler dann rechts spielt, obwohl er eigentlich Linksschütze ist. Hinzu kommen die offensiven Verteidiger, die für den Abschluss eigentlich lieber auf der entgegengesetzten Seite spielen: "Der Winkel offensiv, um den Puck aufs Tor zu bringen, ist viel einfacher."
Aus diesem Grund und der Tatsache, dass man Jan Cadieux auf internationalem Niveau bisher nicht kennt, traut sich Leuenberger nicht wirklich, eine Linienprognose abzugeben. Das Duo Josi/Moser werde wohl bestehen bleiben, wahrscheinlich auch Marti/Kukan, "das ist ein eingespieltes Team". Es gäbe aber spezielle Faktoren und in der Gruppenphase werde wohl ohnehin noch durchrotiert. Anschliessend ist es primär wichtig, dass die Spieler das Vertrauen spüren und sich gut fühlen.
Auch Roost sieht Josi/Moser gemeinsam in einer Linie, denn nach den Olympischen Spielen werde Cadieux nicht viel ändern. "Das wäre meiner Meinung nach falsch, wenn er jetzt schon eine grosse Duftmarke setzen will und sagt: 'Ich bin jetzt der Jan Cadieux, ich mache alles anders.' Ich glaube, das wäre abträglich für die Leistung." Was sich zeigen wird, ist, wer in der dritten und vierten Linie spielen wird. Aufgrund der höchsten Physis sieht Roost da Sven Jung im Vorteil.

Für viel Diskussionen sorgten in der Offensive die Nichtnominierungen von Tyler Moy und Yannick Frehner. Während Moy in der Nati schon mehrere tolle Spiele gezeigt hat, explodierte Frehner in den Playoffs und war ein grosser Faktor beim Bündner Vize-Meistertitel. Stattdessen wurden ihnen Nicolas Baechler, Attilio Biasca und Théo Rochette vorgezogen.
Für Leuenberger kommt vorwiegend die Nominierung von Baechler nicht überraschend: "Nicolas hat an der letzten WM bewiesen, dass er es eben kann, nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Er wird aus meiner Sicht oft ein bisschen unterschätzt, weil gegen ihn zu spielen wirklich mühsam ist. Er macht sehr viel Gutes fürs Spiel, vor allem im defensiven Bereich. Ich bin fast sicher, dass er in der vierten Linie als Center gesetzt sein wird."
Die Gründe, weshalb Tyler Moy nicht an die Weltmeisterschaft gehen kann, sieht Roost zum einen in der Saison, die beim 30-Jährigen nicht top war, zum anderen in den "nicht allerbesten" Leistungen während der Testspiele. Rochette und Biasca mitzunehmen, sei für ihn deshalb "logisch". Bei Baechler sieht er, wie Leuenberger, die Spielweise und die Art, wie er sich bei den Gegnern unter die Haut spielen kann. Biasca und Rochette sind für Leuenberger auch aufgrund ihres noch jungen Alters mit dabei, da sie in Zukunft eine tragende Rolle in der Schweizer Nati einnehmen könnten.
Besonders bei Rochette dürfte es eine Erlösung gewesen sein, nun doch endlich für eine WM aufgeboten zu werden, nachdem er zuletzt zweimal trotz starker Leistungen im Club zu Hause bleiben musste. Dabei sei aber unterschätzt worden, dass ihm das Scoren in der Nati nicht nach Wunsch gelungen sei, so Roost. "Von ihrer Klasse und auch der Zukunftsperspektive her bringen er und Biasca beide sehr viel Grit, Dynamik und Effort ins Spiel. Das hat eine gewisse Logik."
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