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Die schnellste Schweizerin sorgt mit Alltags-Beichte für Schmunzeln

Géraldine Di Tizio-Frey im Interview

Als Géraldine Di Tizio-Frey nach dem Schweizer Meisterschaftsfinal auf die Anzeigetafel blickte, freute sie sich zuerst einfach über den Titel. Erst später realisierte sie, dass die 10,96 Sekunden gleichzeitig die schnellste Zeit Europas in dieser Saison bedeuteten. Nun startet die Schweizer Sprinterin mit viel Selbstvertrauen in die EM in Birmingham.

Die Schweiz hat derzeit die schnellste Frau Europas über 100 Meter. Géraldine Di Tizio-Frey sprintete im Letzigrund in 10,96 Sekunden zum Titel und reist mit der europäischen Jahrebestzeit nach Birmingham. Die 29-Jährige bleibt trotz des Exploits bemerkenswert bodenständig. Im Interview mit uns spricht sie über die ereignisreichen Wochen.

Du bist kürzlich Schweizer Meisterin geworden, hast es unter 11 Sekunden über 100 Meter geschafft und bist jetzt die schnellste Europäerin. Wie hört sich das in deinen Ohren an?

"Schnellste Europäerin ist immer noch ziemlich surreal, das finde ich unglaublich. Mir ist bewusst, dass wir da alle recht nah zusammen sind. Zwischen 10,96 und 11,10 Sekunden sind wir relativ viele Athletinnen. Das wird sicher ein hart umkämpftes Finale und vor allem ein hart umkämpfter Medaillenplatz. Aber es ist trotzdem ein gutes Gefühl und gibt Selbstvertrauen, dass man mit der schnellsten Zeit an den Wettkampf gehen kann."

Wie hast du am Anfang davon erfahren, dass du die schnellste Europäerin bist, und was ist dir in dem Moment durch den Kopf gegangen?

"Wenn ich ehrlich bin: An der Schweizer Meisterschaft habe ich wirklich einfach den Titel holen wollen. Das wichtigste Ziel ist das EM-Ticket gewesen, also unter die besten drei zu kommen. Das ist das minimale Ziel gewesen. Als ich im Finale gestanden bin, wollte ich unbedingt den Titel holen. Die Zeit ist für mich sekundär gewesen. Drum habe ich mich zuerst im Ziel gefreut, dass ich gewonnen habe. Dann habe ich auf die Zeitangabe geschaut, die Zeit gesehen und mich gleich nochmals gefreut. Im ersten Moment habe ich gar nicht realisiert, dass das eine europäische Saisonbestzeit ist. Es hat eine Weile gebraucht, um das zu realisieren."

Wenn du nach so einer Zeit ins Ziel kommst, was nimmst du da als Erstes wahr? Der mangelnde Sauerstoff, der Lärm im Stadion oder einfach das unglaubliche Gefühl in den Beinen?

"Im Sprint ist der mangelnde Sauerstoff eher weniger das Problem. Es war wirklich einfach die Freude, als ich über die Ziellinie gelaufen bin, dass ich gewonnen habe. Ich habe gewusst: Salomé Kora ist mega fit, Natacha Kouni hat einen super Halbfinal gezeigt und ist nochmals persönliche Bestzeit gelaufen. Darum bin ich sehr erleichtert gewesen, dass ich den Titel habe holen können."

Du bist studierte Pharmazeutin. Wenn du die Zeit wie ein chemisches Experiment analysieren würdest: Welche Moleküle und Faktoren müssen da im Kopf und Körper genau zusammenspielen, dass es zu so einer Explosion auf der Bahn gekommen ist?

"Das ist ein guter Vergleich! (lacht) Die Experimentgrundlagen müssen stimmen."

Das heisst?

"Der Körper muss in Form sein. Im Sprint müssen einfach alle Zahnräder zusammenspielen. Es darf nirgends etwas klemmen. Das ist mal die Grundvoraussetzung. Da habe ich auch ein supergutes Medical-Team hinter mir und Coaches, die mich körperlich auf den Wettkampf hin optimal vorbereiten. Wenn man an der Startlinie steht und die Voraussetzungen gegeben sind, dann ist es nur noch eine Kopfsache. Da habe ich es geschafft, dass ich die Nerven behalten konnte. Es ist eine sehr grosse Nervosität da gewesen, aber ich habe es wirklich geschafft, all die Energie in den Lauf hineinzusetzen."

Was geht einem vor dem Start durch den Kopf, wenn es mucksmäuschenstill ist und du auf den Startschuss wartest?

"Ich bin dann in einem Tunnelblick drinnen. Wenn wir uns an der Startlinie aufreihen, bekomme ich nicht mehr viel mit von dem, was rechts und links abgeht. Es ist volle Konzentration. Die Spannung baut sich auf bis zum Startschuss, und dann laden wir auf einen Schlag alles ab."

Wie würdest du allgemein deine Saison bis jetzt beschreiben?

"Es ist eine wirklich sehr gute Progression drin. Ich habe im Frühling noch ein bisschen Fussprobleme gehabt, aber das hat sich relativ schnell gelegt. Wir hatten eine gute medizinische Intervention, ich habe eine Spritze bekommen und zwei Wochen Pause gemacht, dann ist das wieder gutgekommen. Ich habe gewusst, dass es wahrscheinlich nicht der schnellste Saisoneinstieg wird, weil ich mit dem Aufbau ein wenig hinterher gewesen bin. Das habe ich relativ gut einschätzen können."

Wie war das für dich?

"Es ist immer schwierig, wenn man in die Saison einsteigt und alle anderen schon schneller sind als man selbst. Aber das hat nochmals Motivation gegeben. Man weiss: Die Konkurrenz ist da, es braucht einen extrem schnellen Lauf an der Schweizer Meisterschaft, um sich für Birmingham zu qualifizieren. Das gibt nochmals einen zusätzlichen Schub Motivation, im Training alles zu geben und auf den Tag X bereit zu sein. Ich habe eine mega gute Progression zeigen können und auf die SM hin mit dem Höhepunkt meine Bestleistung abgerufen."

Gibt es eine Athletin, gegen die du schon lange mal laufen wolltest?

"Den Traum habe ich mir letztes Jahr erfüllen können. Ich war immer ein grosser Fan von Shelly-Ann Fraser-Pryce, und an ihrem allerletzten Wettkampf habe ich im Halbfinale gegen sie laufen können. Das ist ein Kindheitstraum gewesen. Mit Sha'Carri Richardson war ich noch nie in einer Serie. Mit Melissa Jefferson bin ich an der WM letztes Jahr gelaufen, und gegen Julien Alfred bin ich auch schon in der gleichen Serie gewesen."

Shelly-Ann Fraser-Pryce ist ein grosses Vorbild von Di Tizio-Frey. (Bild: Imago)

Wie behältst du Erinnerungen dieser Läufe?

"Vor dem Wettkampf sage ich nicht gross etwas. Aber nach dem Wettkampf, wenn sich das ergibt, mache ich gerne ein Foto, sage Hallo oder rede kurz. Das ist schon cool. Mit Fraser-Pryce habe ich nach der Staffel in Budapest ein Foto gemacht."

Wenn du zurückblickst: Was hätte die kleine Géraldine im Alter von 8 oder 9 Jahren dazu gesagt, was du heute erreicht hast?

"Sie hätte es nicht wirklich geglaubt, dass ich mal so weit komme. Ich habe relativ spät mit Leichtathletik angefangen, da war ich schon in der Kanti, mit 14 oder 15 Jahren. Bei jedem Schritt nach vorn habe ich gedacht: "So cool, dass ich das erreicht habe! Besser geht es eigentlich nicht mehr." Und irgendwie habe ich seither stetig noch mehr erreichen können. Jedes Mal ist es wieder ein Meilenstein, über den man sich freut. Es ist cool, dass ich mich als Athletin langsam, aber stetig nach vorne entwickeln kann."

Was ist dein aktuell grösstes Ziel als Leichtathletin?

"Das waren immer die Olympischen Spiele, das habe ich in Paris erreichen können. Nach Paris habe ich nicht genau gewusst, wie es weitergeht. Ich habe mir gesagt, ich nehme es von Jahr zu Jahr und mache mir gar nicht zu viel Druck. Aber jetzt, wo ich sehe, dass es so gut läuft, bin ich sehr motiviert, bis Los Angeles 2028 weiterzumachen. Ein Europameisterschaftsfinale ist sicher ein Ziel, oder mal eine Medaille im Einzel oder mit der Staffel. Langfristig für Olympia 2028 ist das Ziel, mindestens ins Halbfinale über 100 Meter zu kommen oder mit der Staffel ins Finale."

Wenn du privat unterwegs bist und mal langsamer gehst: Musstest du dir schon Sprüche anhören wie "Jetzt bist du die schnellste Europäerin, aber am Trödeln"?

"Das habe ich mir schon ein paar Mal sagen lassen müssen! Am Sonntag nach meinem Titel hat meine beste Kollegin ihren letzten Wettkampf gehabt. Ich bin sie anfeuern gegangen, war aber so müde, dass ich auf der Tribüne eingeschlafen bin. Die Leute haben es lustig gefunden: "Was, das ist die schnellste Europäerin? Das kann nicht sein!"

Gibt es sonst Momente, bei denen du langsam bist?

"Bei der Arbeit nehme ich immer den Lift. Ich laufe wirklich nicht gerne Treppen, weil ich finde, ich mache schon genug Sport. (lacht) Bei der Arbeit fragen sie dann: 'Hey, du bist doch so sportlich, wieso nimmst du den Lift?' Das beisst sich dann manchmal."

Wenn du eine andere Disziplin in der Leichtathletik für einen Tag ausprobieren könntest, welche wäre es und warum?

"Gute Frage. Es wird sicher keine Ausdauerdisziplin sein, meine Ausdauer ist nicht so gut. (lacht) Naheliegend wären die 200 Meter - das habe ich wieder vor, wenn es das Training zulässt. Wenn ich etwas ganz anderes ausprobieren müsste, würde ich Weitsprung machen. Ich habe das Gefühl, das könnte noch gut herauskommen. Das wäre mal spannend."

Du hast mit der ETH ein Airshield entwickelt. Was ist das genau?

"Wir haben ein Projekt gehabt, um im Windschatten zu laufen und einen Overspeed-Run zu simulieren. Das haben wir in Zusammenarbeit mit der ETH gemacht, und das hat ziemlich gut funktioniert."

Aber?

"Es ist mühsam in der Umsetzung gewesen, weil das ganze Team dort sein musste. Wir hatten ein autonom fahrendes Go-Kart vorne, das installiert werden musste. Leider ist das Projekt wieder gestorben. Prinzipiell wäre das sehr cool gewesen, wenn man das hätte weiterziehen können."

War das deine Idee als Sprinterin?

"Mein Mann ist sehr gut vernetzt mit der ETH und der Leichtathletik. Wir haben Kontakt mit einer Professorin an der ETH aufgenommen. Sie fanden das ein cooles Projekt, gerade für die PhD-Studenten, die solche Projekte umsetzen. Es ist cool, wenn man etwas macht, das man in der Praxis direkt gebrauchen kann. Das hat eine gute Synergie ergeben, dass wir dort zusammenarbeiten konnten."

Du hast dein Studium zur Pharmazeutin bekanntlich abgeschlossen. Was machst du jetzt?

"Genau, ich habe im letzten Sommer mein Studium abgeschlossen und im Oktober ein Trainee-Programm bei Galenica angefangen. Ich habe aushandeln können, dass ich das zu 50 Prozent machen darf. Ich habe den Dienstag als trainingsfreien Tag erklärt, damit ich nach Bern in unseren Hauptstandort gehen kann. Den Rest kann ich flexibel von zu Hause aus machen."

Was machst du dort genau?

"Mein Team ist verantwortlich für Gesundheitsdienstleistungen in den Apotheken – dazu gehören Amavita, Sun Store und Coop Vitality. Wir bringen neue Dienstleistungen auf den Markt oder verbessern bestehende. Den Rest der Zeit kann ich flexibel aus dem Homeoffice machen oder bin direkt in den Apotheken unterwegs. Im Winter arbeite ich eher 60 Prozent, im Sommer mit den Wettkämpfen etwas weniger. Das ist sehr praktisch, dass ich das so flexibel verfolgen kann."

Stand Pharmazeutin bereits als Kind im Freundschaftsbuch als Berufswunsch?

"Als Kind wollte ich immer Lehrerin werden. Relativ früh habe ich viel Interesse an Naturwissenschaften gehabt – Biologie und Chemie habe ich sehr cool gefunden. Das Pharmaziestudium ist naturwissenschaftlich, aber gleichzeitig interdisziplinär. So bin ich darauf gekommen."

Was hat Leichtathletik mit Pharmazie gemeinsam?

"Das Physiologische. Wir hatten im Studium viel mit den Biologen zusammen, auch Anatomie, Physiologie und die chemischen Prozesse im Körper. Da habe ich ein gutes Grundverständnis, wie der Körper funktioniert. Ich bin froh, dass ich neben dem Sport noch etwas anderes habe, wo der Kopf gefordert ist und ich in eine andere Welt abtauchen kann, damit sich nicht immer alles nur um den Sport dreht."

EXKLUSIV Géraldine Di Tizio-Frey Leichtathletik Soraya Sägesser

2026-08-03 15:45:09