Angelica Moser ist seit Jahren das Aushängeschild des Schweizer Stabhochsprungs. Nach ihrem zehnten Meistertitel spricht die 28-Jährige mit uns im Interview über den Boom der Leichtathletik, volle Wartelisten in den Vereinen und ihre Motivation nach all den Erfolgen.
Am Wochenende bist du zum zehnten Mal Outdoor-Schweizer-Meisterin geworden. Welcher von diesen zehn Titeln hat sich für dich am speziellsten angefühlt?
"Das ist schwierig zu sagen, aber wahrscheinlich der erste."
Weshalb?
"Weil das der erste Titel war, den ich im Letzigrund gewonnen habe – und nun folgte der zehnte Titel im Letzigrund. Jeder Titel hat seine eigene Geschichte. Das Speziellste ist für mich aber die Serie als Ganzes. Bei gewissen Titeln bin ich aus einer Verletzung zurückgekommen. Schlussendlich gibt es für mich natürlich noch wichtigere Wettkämpfe als die Schweizer Meisterschaft, aber es ist trotzdem extrem cool, dass ich in den letzten zehn Jahren – sowohl in der Halle als auch draussen – jedes Jahr Schweizer Meisterin geworden bin."
Du hast im SRF-Interview gesagt, du fühlst dich alt. Was macht dich dennoch weiterhin so stark in deinem Sport?
"Das mit dem Altsein war mehr ein Witz. (lacht) Es ist zwar so, dass ich in der Leichtathletik nicht mehr zu den Jüngsten gehöre, aber mit 28 Jahren bin ich eigentlich im besten Alter und fühle mich keineswegs alt. Wenn man es allerdings mit anderen vergleicht, die jetzt in der Schweiz mitspringen, sind die Jüngsten etwa zehn Jahre jünger als ich. Schlussendlich verfüge ich aber über eine gewisse Erfahrung, und die kommt mir bei wichtigeren Wettkämpfen sowie internationalen Meisterschaften natürlich sehr zugute."
Wie hat sich allgemein das Niveau der Schweizer Stabhochspringerinnen verändert?
"Wir hatten in den letzten Jahren bei den Frauen ein sehr gutes Niveau – auch im Vergleich zu anderen, grösseren europäischen Ländern. Wir gingen meist zu dritt an den Start, wie etwa letztes Jahr an der WM zusammen mit Lea Bachmann und Pascale Stöcklin. Dieses Jahr war es etwas schwieriger, weil Pascale ihre Karriere beendet hat und Lea lange verletzt war. Wir hoffen natürlich, dass aus dem Nachwuchs jetzt wieder jemand nachrückt."

Hast du das Gefühl, dass du durch deine Leistungen und Erfolge junge Athletinnen und Athleten motivierst, mit dem Stabhochsprung anzufangen?
"Das kann gut sein. Der Stabhochsprung erlebt im Moment ohnehin einen Boom – nicht nur in der Schweiz, sondern auch international."
Wie lässt sich dieser Boom begründen?
"Sicherlich auch wegen Mondo Duplantis. In der Schweiz ist vor mir Nicole Büchler gesprungen, die ebenfalls schon an der Weltspitze war und eine Bestleistung von 4,80 Metern erbracht hat. Wir hatten in der Schweiz also schon einige gute Athletinnen und Athleten. Darum habe ich das Gefühl, dass das die Jungen immer wieder aufs Neue motiviert, anzufangen."
Wie nimmst du den allgemeinen Leichtathletik-Boom in der Schweiz wahr?
"Der hält schon seit ein paar Jahren an und ist nicht erst seit gestern da. Es gab in letzter Zeit extrem viele starke Leistungen von verschiedenen Athletinnen und Athleten, bei denen viele internationale Medaillen gewonnen wurden. Das zeigt auch den Jungen: Selbst wenn du aus der kleinen Schweiz kommst, kannst du es ganz an die Weltspitze schaffen. Das motiviert enorm. Zudem haben wir ein sehr gutes Nachwuchssystem etabliert. Der aktuelle Erfolg ist ein klarer Beweis dafür, dass dieses System funktioniert."
Merkst du auch, dass durch diese Erfolge mehr Nachwuchs nachrückt?
"Ich kann nicht für alle Klubs sprechen, aber bei vielen sind die Wartelisten relativ lang. Es wollen derzeit mehr Kinder mit Leichtathletik anfangen, als Trainerkapazitäten da sind. Einerseits ist es wunderschön zu sehen, wie viele Kinder Sport machen wollen, andererseits ist es schade, dass nicht alle aufgenommen werden können. Es ist einfach genial, dass die Leichtathletik einen solchen Boom erlebt."
Zurück zu dir selbst: Wie würdest du deine bisherige Saison beschreiben?
"Als Achterbahn. (lacht) Eigentlich verlief sie sehr gut, vor allem bis Paris. Dort kam leider die Verletzung, was natürlich suboptimal war. Inzwischen kann ich im Training wieder alles machen, aber wir mussten uns in dieser Phase etwas anpassen. Obwohl ich relativ schnell wieder gesprungen bin, kam der mentale Faktor hinzu, bei dem man zuerst wieder die Angst überwinden muss. Die letzten zwei Wettkämpfe waren aber schon wieder viel besser. Jetzt bleiben noch gut zwei Wochen bis zu den Europameisterschaften, und bis dahin ist die Topform sicher wieder da."
Was ist beim Stabhochsprung wichtiger: der Anlauf, der Griff, die Technik oder die Körperposition?
"Das Schwierige am Stab ist, dass alles perfekt zusammenpassen muss. Nur schnell anzulaufen, bringt gar nichts, weil alles, was danach kommt, exakt genauso wichtig ist. Wenn du nicht schnell anläufst, hilft dir die beste Technik danach auch nichts. Man muss extrem viele kleine Puzzleteile zusammensetzen, damit es einen guten Sprung gibt. Die Sportart ist so komplex, dass es sehr viel Übung benötigt, bis die Technik sitzt. Das ist aber auch das Faszinierende daran: Man hat unendlich viele kleine Stellschrauben, an denen man drehen kann. Den perfekt ausgeführten Sprung gibt es wahrscheinlich nie, aber man versucht, ihm so nahe wie möglich zu kommen."
Warum wolltest du Stabhochspringerin werden?
"Ich habe es meiner Schwester nachgemacht. Wir sind beide im Kunstturnen aufgewachsen. Da meine Eltern früher Leichtathletik gemacht haben und als Trainer aktiv waren, haben sie uns oft auf den Leichtathletikplatz mitgenommen, wo wir gespielt haben. Irgendwann wollte meine Schwester den Stabhochsprung ausprobieren, da dieser Schritt aufgrund unseres Turnhintergrunds sehr nahe lag. Ich habe es ihr dann einfach nachgemacht, weil ich es auch versuchen wollte."
Ihr Stabhochspringer reist mit riesigen, unhandlichen Stabtaschen um die Welt. Was war dein schrägstes oder anstrengendstes Erlebnis am Bahnhof oder Flughafen?
"Im Zug kann man mit den Stäben gar nicht reisen, die passen schlicht nicht rein. (lacht) Es gibt nicht das eine spezielle Erlebnis, aber das Einchecken ist meistens extrem kompliziert. Du musst im Voraus genau wissen, mit welchen Airlines und Flugzeugtypen du überhaupt fliegen kannst. Da hilft uns zum Glück unser Manager. Am Flughafen läufst du dann mit diesen riesigen Stäben quer durch die Terminals und landest meistens unten beim Cargo-Eingang, weil die normalen Scanner zu klein sind. Es ist jedes Mal ein kleines Abenteuer."
Wie lange dauert dies jeweils?
"Manchmal geht es ganz schnell, und manchmal diskutierst du drei Stunden lang, bis sie die Stäbe mitnehmen. Es kam auch schon vor, dass ich im Flugzeug sass, meine Stäbe draussen stehen sah und ohne sie abgeflogen bin. (lacht) Mittlerweile ist das aber Daily Business. Es ist zwar manchmal anstrengend, gehört aber einfach dazu."
Hast du spezielle Namen für deine Stäbe oder einen Lieblingsstab?
"Nein, gar nicht. (lacht) Die Länge meiner Wettkampfstäbe ist zwar immer dieselbe, aber sie haben unterschiedliche Härten, die man während des Wettkampfs wechselt. Man benennt sie schlicht nach ihrem Flex-Wert. Ich habe keine emotionale Beziehung zu ihnen. Klar hat man den einen oder anderen Stab mal lieber, aber grundsätzlich sind sie einfach Arbeitsgeräte, die passen müssen."
Du springst über vier Meter hoch. Gibt es im normalen Leben Situationen, in denen du Höhenangst hast?
"Ja, ich habe tatsächlich Höhenangst! Ich kann zwar hochspringen, das ist nicht das Problem. Aber auf Aussichtstürmen oder auf hohen, ausgesetzten Bergen ist mir überhaupt nicht wohl."
Das ist bei deiner Sportart aber ein spezieller Kontrast.
"Es ist eine andere Art von Höhe. Bei mir im Sport ist die Höhe überschaubar und absehbar. Im Schwimmbad kann ich problemlos vom 10-Meter-Brett springen. Durch meinen Hintergrund im Kunstturnen bin ich es von klein auf gewohnt, auf dem Trampolin oder am Boden Salti zu schlagen und kopfüber in der Luft zu sein. Daran gewöhnt man sich. Im Sport war die Höhe daher noch nie ein Problem für mich."
Im Sport liegt schliesslich auch eine Matte bereit.
"Genau. Natürlich kann etwas schiefgehen, dessen ist man sich bewusst, da ein gewisses Risiko dazugehört. Aber wenn alles normal läuft, landet man sicher auf der Matte, und das ist kein Problem."
Deine Eltern waren ebenfalls in der Leichtathletik aktiv. Wie viel wird bei euch am Küchentisch über Sport gesprochen?
"Es wird natürlich über Sport geredet, aber es ist bei weitem nicht das einzige Thema am Tisch. Die Familie interessiert sich sehr dafür, was ich mache, und sie ist auch oft bei den Wettkämpfen dabei, um mich zu unterstützen. Das ist wunderschön. Aber wir haben am Tisch definitiv auch noch viele andere Themen."
Neben dem Sport hast du kürzlich dein Studium der Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen.
"Ich habe meinen Master abgeschlossen und meine Masterarbeit letztes Jahr kurz vor der Weltmeisterschaft abgegeben und das Diplom dann im Januar erhalten."
Strebst du nun einen Doktortitel an?
"Ein PhD ist derzeit nicht vorgesehen. Ich absolviere von Dezember bis August ein neunmonatiges Praktikum, um einfach mal Praxiserfahrung zu sammeln. Nichts zu tun kommt für mich nicht infrage, da ich abseits des Sports etwas brauche, das meinen Kopf fordert. Es tut gut, gedanklich mal komplett vom Sport abzuschalten und umgekehrt beim Training die Arbeit zu vergessen. Es ist perfekt, das Beste aus beiden Welten zu haben."
Dein Freund Kevin Bozon hat sportlich und gesundheitlich schon schwierige Phasen durchgemacht, und auch du kennst verletzungsbedingte Tiefs. Ist das gegenseitige Verständnis bei zwei Profisportlern in solchen Momenten euer grösster Vorteil?
"Das ergibt sich von selbst. Wir wissen, was der andere in schwierigen oder sehr guten Phasen benötigt. Wenn es bei mir mal nicht läuft, kann ich mich stattdessen riesig über seine Erfolge freuen. Diesen Winter konnte er beispielsweise bei den Olympischen Spielen in Mailand spielen. In dieser Zeit war ich am Fuss verletzt, konnte keine Wettkämpfe bestreiten und musste meine Hallensaison stark verkürzen. Er unterstützt mich wiederum im Sommer. Das ist extrem schön, weil unsere Saisons etwas versetzt sind. Wenn es bei einem selbst nicht läuft, kann man natürlich auch mal anstrengend sein, aber durch das eigene Erlebte bringt der Partner immer volles Verständnis dafür auf."
Wenn ihr für einen Tag tauschen würdet – er macht Stabhochsprung und du Eishockey: Wer würde sich besser schlagen?
"Definitiv ich, zu 100 Prozent! (lacht) Er ist bis jetzt noch nie stabhochgesprungen und hat sich bisher erfolgreich geweigert, weil er davor schon Respekt hat. Er meinte immer, das mache er erst nach seiner Karriere. Eishockey wäre für mich einfacher. Ich kann einigermassen Schlittschuhlaufen – nur das Bremsen klappt noch nicht ganz." (lacht)
Dein Freund hat momentan noch keinen Vertrag für die nächste Saison. Wie geht ihr als Paar damit um?
"Wir nehmen es, wie es kommt. Wir wissen beide, wie das Leben als Profisportler funktioniert. Als Einzelsportlerin habe ich diese Sorge bezüglich der Teamsuche zwar selbst nicht, aber mir ist völlig klar, dass es zum Job gehört, wenn er zwischenzeitlich woanders unterschreiben muss. Es ist nicht immer eine einfache Situation, aber man macht das Beste daraus und nimmt es Tag für Tag. Der Sport lehrt einen sehr gut, mit solchen Ungewissheiten umzugehen."
Angelica Moser Kevin Bozon Leichtathletik Soraya Sägesser