Noch vor wenigen Wochen kannte ihn in der Schweizer Leichtathletik praktisch niemand. Nun hat Haydn Brotschi an den Schweizer Meisterschaften mit Rang zwei über 400 Meter das EM-Ticket für Birmingham gelöst. Der amerikanisch-schweizerische Doppelbürger fiebert seinem ersten Grossanlass mit dem Schweizer Nationalteam entgegen.
Haydn Brotschi ist einer der grossen Gewinner der Schweizer Meisterschaften in Zürich. Der 21-Jährige belegte über 400 Meter in 46,10 Sekunden den zweiten Platz hinter Lionel Spitz (45,34) und sicherte sich damit das Ticket für die Europameisterschaften in Birmingham. Gemeinsam mit Spitz und Ricky Petrucciani (46,13) wird er die Schweiz im August vertreten.
"Ich bin müde", sagte Brotschi nach dem Rennen mit einem Lächeln im SRF-Interview, bei dem er mit ein paar Brocken Deutsch gleich Sympathiepunkte gewann. "Hoffentlich wird mein Deutsch in den nächsten fünf Wochen besser. Ich freue mich auf die EM und bin sehr glücklich. Es wird meine erste Reise mit dem Schweizer Team."
Dass Brotschi überhaupt im Schweizer Dress startet, ist eine der überraschendsten Geschichten dieses Leichtathletik-Sommers. Der Kalifornier besitzt dank seines Vaters aus Bolken SO auch den Schweizer Pass. Nachdem er Mitte Mai in den USA starke 45,20 Sekunden gelaufen war, meldete er sich bei Swiss Athletics und erkundigte sich, was nötig sei, um die Schweiz international vertreten zu können. Dies berichtete CH Media.
Da Brotschi nie für die USA an internationalen Meisterschaften gestartet war, verlief der Verbandswechsel unkompliziert. Seit Mitte Juni besitzt er die Startberechtigung für die Schweiz und wird vom Weltverband offiziell als Schweizer geführt.
Eigentlich hätten die drei EM-Tickets über 400 Meter an den Schweizer Meisterschaften im sogenannten Trials-System vergeben werden sollen. Weil Vincent Gendre verletzungsbedingt ausfiel, standen mit Brotschi, Spitz und Petrucciani letztlich nur noch drei Athleten für drei Startplätze zur Verfügung – alle hatten die EM-Limite bereits erfüllt. Mit seinem zweiten Platz machte Brotschi die Qualifikation endgültig perfekt.
Der Student der Datenwissenschaften und Biomedizin hat grosse Ziele. Nach der EM zieht er zurück nach Kalifornien, wo er an der UCLA sein Masterstudium abschliessen und unter Olympiasiegerin Joanna Hayes trainieren wird. Langfristig träumt der 21-Jährige davon, die Schweiz bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles zu vertreten.
Auch sportlich denkt Brotschi bereits einen Schritt weiter. Mit seiner Bestzeit von 45,20 Sekunden hat er sich als neue Schweizer Hoffnung über die Bahnrunde angekündigt. Sein nächstes Ziel ist der fast 30 Jahre alte Schweizer Rekord von Mathias Rusterholz (44,99 Sekunden). Zudem könnte der Neuzugang der Schweizer 4x400-Meter-Staffel neue Perspektiven eröffnen.
Vorerst richtet sich der Fokus aber auf Birmingham. Dort wird Brotschi erstmals überhaupt mit dem Schweizer Nationalteam an einem internationalen Grossanlass antreten – ein weiterer Meilenstein in einer Geschichte, die vor wenigen Wochen kaum jemand für möglich gehalten hätte.
Haydn Brotschi Leichtathletik Soraya Sägesser