Der erste Wettkampftag der Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften im Zürcher Letzigrund hatte einiges zu bieten. Audrey Werro überzeugte mit einer starken Leistung über 400 Meter, Sabrina Boss löste im Speerwurf das EM-Ticket und gemeinsam mit Leonie Hügli sorgt sie dafür, dass die Schweiz nach langer Zeit wieder mit zwei Speerwerferinnen an einer EM vertreten ist.
Der Auftakt der Schweizer Meisterschaften in Zürich bot hochklassige Leistungen und einige emotionale Geschichten. Besonders im Speerwurf der Frauen durfte die Schweiz jubeln: Sabrina Boss gewann den Titel mit starken 60,88 Metern und übertraf als einzige Athletin die 60-Meter-Marke. Hinter ihr belegte Leonie Hügli mit 59,71 Metern Rang zwei. Beide werden die Schweiz an den Europameisterschaften in Birmingham vertreten – ein seltenes Bild, denn lange war keine Schweizer Speerwerferin an einer EM dabei, nun sind es gleich zwei.
Für Boss stand dabei weniger der Titel als vielmehr die Weite im Vordergrund. Sie sagt gegenüber SRF: "Ich wusste, dass es fürs Europa-Ranking reichen könnte. Der Titel ist nebenbei, aber die Weite ist für mich wichtiger. Es ist mega, mega cool. "Anfang der Saison hätte ich nie damit gerechnet, da war ich noch weit davon entfernt."
Auch Hügli zeigte sich trotz kleiner Enttäuschung zufrieden. "Ich habe mir den Wettkampf etwas anders vorgestellt", sagt sie gegenüber SRF. Denn sie stürzte beim Anlauf und schürfte sich die Schulter. Davon liess sie sich aber nicht beirren: "Trotzdem habe ich nochmals versucht, mein Bestes zu geben. Ich fühle mich fit und glaube, dass noch mehr möglich ist. Jetzt muss ich das zuerst verdauen. Ich freue mich riesig auf die EM."
Audrey Werro zeigte einmal mehr ihre Klasse. Die Favoritin gewann ihren Vorlauf über 400 Meter in Saisonbestleistung von 50,80 Sekunden und qualifizierte sich souverän für das Finale. Auf diesen wird sie allerdings verzichten. Die 400 Meter absolvierte sie bewusst als Vorbereitung auf die Europameisterschaften, wo in ihrer Paradedisziplin 800 Meter, Vorlauf und Final an zwei verschiedenen Tagen stattfinden.
"Es war ein sehr guter Test, zwei Rennen an einem Tag zu haben. Mein Ziel war der Schweizer Rekord. Ich bin glücklich mit meiner Zeit. Der Start ist nicht meine Stärke", erklärte Werro nach ihrem Lauf mit einem Schmunzeln.
Für eine negative Überraschung sorgte dagegen Mujinga Kambundji. Die 14-fache Schweizer Meisterin über 100 Meter verpasste den Final. In ihrem Halbfinal lief sie zwar die drittschnellste Zeit ihres Heats, insgesamt reichte diese jedoch nicht für einen Platz unter den Finalistinnen.
Die Bernerin nahm das Aus gelassen. "Natürlich wäre es cool gewesen, im Finale zu laufen. Das Niveau ist sehr hoch. Ich freue mich einfach, wieder konkurrenzfähig zu sein. Die Tendenz geht in die richtige Richtung. Ich bin voll zufrieden und muss die Leistungen immer wieder in Relation setzen", sagt sie gegenüber SRF. Die Geburt ihres Sohnes liegt erst acht Monate zurück.
Den Schweizer Meistertitel über 100 Meter sicherte sich Géraldine Di Tizio-Frey. Die Athletin lief in 10,96 Sekunden nicht nur zu Gold, sondern stellte gleichzeitig eine neue Saisonbestleistung auf. Silber ging an Salomé Kora (11,09), Bronze an Natacha Kouni (11,15). Di Tizio-Frey ist damit die schnellste Europäerin in diesem Jahr.
Entsprechend gross war die Erleichterung nach dem Rennen. "Unglaublich. Ich war so nervös. Dass am Ende eine solche Zeit herauskommt, ist unglaublich. Man versucht zwar, sich keinen Druck zu machen, aber ich bin mega erleichtert, dass es so gut aufgegangen ist."
Bei den Männern setzte sich William Reais durch. Mit 10,16 Sekunden egalisierte er seine Saisonbestleistung und gewann Gold vor Timothé Mumenthaler (10,19) und Akira Eghagha (10,30). Mumenthaler konnte damit seinen Schweizer Meistertitel vom letzten Jahr nicht verteidigen.
Im Weitsprung der Frauen verteidigte Maria Zanoni ihren Schweizer Meistertitel mit 6,34 Metern erfolgreich. Liana Trümpi (6,29) und Mehrkämpferin Lucia Acklin (6,18) komplettierten das Podest. Bei den Männern gewann Cyrill Kernbach den Weitsprung mit einer Saisonbestleistung von 7,61 Metern vor Nico Graf (7,43) und Nino Portmann (7,35).
Der beste Schweizer Weitspringer, Simon Ehammer, ist abwesend. Er verzichtet nach einer leichten Oberschenkelverletzung, die er sich vor zwei Wochen beim Diamond-League-Meeting in Monaco zugezogen hatte, auf einen Start im Weitsprung und über 110 m Hürden.
Im Hochsprung der Frauen setzte sich Marithé Engondo in einem spannenden Duell gegen Céline Weber durch. Mit übersprungenen 1,89 Metern verbesserte sie ihre Saisonbestleistung und verteidigte ihren Titel. Bronze gewann Nadja Lüthi. Bei den Männern holte Jérome Hostettler mit 2,10 Metern Gold im Hochsprung. Im Stabhochsprung triumphierte Justin Fournier mit fehlerfreien 5,35 Metern.
Den Speerwurf der Männer entschied Franck Di Sanza mit 76,15 Metern klar für sich. Im Hammerwurf gingen die Titel an Lars Wolfisberger (68,93 Meter) bei den Männern und Ladina Kobler (51,37 Meter) bei den Frauen. Für Kobler bedeutete die Siegerweite gleichzeitig eine neue persönliche Bestleistung.
| Disziplin | Schweizer Meister/in |
|---|---|
| 100 m Frauen | Géraldine Di Tizio-Frey |
| 100 m Männer | William Reais |
| Speer Frauen | Sabrina Boss |
| Speer Männer | Franck Di Sanza |
| Hochsprung Frauen | Marithé Engondo |
| Hochsprung Männer | Jérome Hostettler |
| Stabhochsprung Männer | Justin Fournier |
| Weitsprung Frauen | Maria Zanoni |
| Weitsprung Männer | Cyrill Kernbach |
| Hammer Frauen | Ladina Kobler |
| Hammer Männer | Lars Wolfisberger |
Am Sonntag gibt es 20 weitere Medaillen-Entscheidungen im Zürcher Letzigrund. Ein Höhepunkt dürften die 800 Meter von Audrey Werro werden.
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