Roby Järventie will in Ambri einen neuen Anlauf nehmen. Der 24-jährige Finne hat die NHL trotz schwieriger Jahre in Nordamerika nicht abgeschrieben - und sieht die National League als ideale Zwischenstation für seine nächsten Ziele.
Während des Interviews hat Roby Järventie die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die blonden Haare lugen unter seinem umgekehrt getragenen Cap hervor. Wenn der Finne spricht, dann meist leise und bedacht. Viel Augenkontakt sucht er nicht - dafür entwischt ihm zwischendurch immer wieder ein Lachen. Er gibt zu: "Ich bin nicht die lauteste Person." Nur eine halbe Stunde davor prügelt er sich im Vorbereitungsspiel mit einem Gegner und muss länger auf die Strafbank. Auch das ist eine Seite des Finnen.
Einst galt er als eines der grössten Offensivtalente seines Jahrgangs. Doch bei den Besten konnte sich Roby Järventie nicht wirklich durchsetzen. Deshalb spielt er kommende Saison in der National League und nicht in der NHL. Der Finne hat trotzdem einige NHL-Partien auf dem Buckel, auch wenn er diese an zwei Händen abzählen kann.
Den Traum von Nordamerika hat der 24-Jährige aber noch nicht ausgeträumt. Auch die Edmonton Oilers haben ihn nicht ganz aufgegeben. Immerhin haben sie ihm kürzlich ein Qualifying Offer unterbreitet und damit seine Rechte gesichert. "Ich möchte immer noch in der NHL spielen", sagt Järventie und fügt hinzu: "Das ist mein längerfristiges Ziel." Dabei erwähnt er sein Alter. Mit 24 Jahren steht er noch am Anfang seiner Profikarriere.
Auch Ambri soll ihm bei der Rückkehr in die NHL helfen und als Sprungbrett dienen, so wie es einst bei Dominik Kubalik oder kürzlich Alex Formenton war. "Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich für Ambri entschieden habe", sagt er. In der Leventina wurde ihm eine gute Rolle und viel Eiszeit versprochen. Genau das, was er für sein Spiel braucht. Zudem helfen ihm die im Vergleich zu Nordamerika weniger Spiele, damit er seinen Fokus mehr auf das Training setzen kann. Dieses Training ist für ihn von besonderer Bedeutung. Denn aufgrund einer schweren Knieverletzung verpasste er etliche Spiele. "Ich habe in den letzten zwei, drei Jahren nicht viel gespielt, daher ist es gut, ein gutes Jahr zu haben, viel zu spielen und viel zu trainieren."
Die vielen Trainings und die Eiszeit sind aber nicht der einzige Grund, der ihn ins Tessin lockte. "Ich dachte, es war der richtige Zeitpunkt für mich, aus Nordamerika zurückzukehren", sagt er. Schon ein Jahr zuvor liebäugelte er mit einer Rückkehr nach Europa, unterschrieb 2025 bereits bei Tappara Tampere in der Heimat, ehe er nochmals eine Chance in Nordamerika erhielt. Bei der zweiten angepeilten Rückkehr soll es aber nicht Finnland, sondern die Schweiz sein.
"Die Schweiz war meine Wunschdestination", sagt er und ergänzt: "Finnland war dieses Jahr nicht wirklich eine Option." Die Gründe sind verschieden. Järventie findet, dass die Schweiz die härtere Liga sei und die besseren Spieler habe. Kurzum: "Es ist die bessere Herausforderung für mich, hierherzukommen." Vom Tessiner Club hat er im Vorfeld nur das Beste gehört. "Jeder hatte eine gute Zeit, mit der Familie hier zu leben", sagt er und schwärmt gleichzeitig von den talentierten Spielern. Doch die Spieler haben ihm nicht nur über die Lebensqualität im Tessin erzählt, sondern auch über die Fans. "Die Jungs haben mir gesagt, dass es die besten Fans der Liga sind, deshalb kann ich die Spiele kaum erwarten."
In Ambri ist er nicht der einzige Finne. Mit dem aktuell verletzten Verteidiger Jesse Virtanen und dem Trainer Jussi Tapola sind zwei Landsleute künftig in der Kabine. "Wenn Jungs aus deinem eigenen Land da sind, macht es das ein bisschen einfacher", sagt er. Im Vorfeld kannte Järventie seinen Hintermann Virtanen nicht. Mittlerweile sind die beiden gut befreundet. "Wir sprechen viel miteinander, auch wenn er aktuell verletzt ist", so Järventie. Aber auch ohne Virtanen findet der Neuzugang, dass sie ein gutes Team haben.
Kurz vor dem Saisonstart ist er hungrig auf die Saison, auch wenn die Vorbereitungsspiele in Ambri nicht vielversprechend waren. "Ich bin aufgeregt, endlich mit den Spielen der Regular Season anzufangen", sagt er. In der Schweiz hat er sich nun eingelebt. Es gefalle ihm gut. Ohnehin ist es das erste Mal, dass er länger in der Schweiz ist.
Die letzten Jahre verbrachte er in Nordamerika - mehrheitlich in der AHL. "Drüben in Nordamerika ist es vielleicht physischer, also einfach eine andere Art von Eishockey", sagt er und fügt hinzu: "Die Eisfelder sind hier natürlich grösser, also gibt es mehr Scheibenbesitz und mehr spielerische Elemente." Deshalb stellt er sich vor, dass man ein wenig mehr Zeit und Puckkontrolle hat. Dies ist ihm in den bisherigen Testspielen aufgefallen.
In Ambri gehört er zu den grossen Verstärkungen. Viel Hoffnung liegt auf dem jungen Finnen. Seine Rolle ist, die Spiele zu entscheiden. Schon während der Vorbereitung zeigte er seinen Torriecher. "Ich möchte ein gutes Allround-Spiel zeigen, Punkte holen und so dem Team helfen", beschreibt er seine Rolle. Dennoch findet er, dass er sich defensiv noch verbessern muss. In der Kabine will er seine Erfahrung einbringen. "Ich habe auch schon viel Profi-Eishockey gespielt und versuche, ein Führungsspieler zu sein und mit gutem Beispiel voranzugehen", sagt er.
Trotz seiner 24 Jahre gehört er in Ambri zu den jüngeren Spielern. Doch in der jüngsten Mannschaft der Liga gibt es noch mehr Youngster. "Sie werden höchstwahrscheinlich grosse Fortschritte in dieser Saison machen", ist sich der Finne sicher. Trotz der vielen jungen Spieler hofft der 24-Jährige auf viele Spieler, die Verantwortung übernehmen. "Wir sind meistens wohl die Underdogs, aber ich denke, das ist eine gute Position für uns", sagt er. Denn Ambri will mit seinem Spiel viele überraschen und stets besser werden.
Sein grosses Ziel ist in dieser Saison aber die Nationalmannschaft. Järventie spielte zuletzt in der U20-Nationalmannschaft, nun träumt er davon, sein Debüt in der A-Nationalmannschaft zu geben. Mit Jussi Tapola ist er an einer guten Adresse. Denn der Ambri-Headcoach ist Assistenztrainer der finnischen Nationalmannschaft. "Ich weiss nicht, ob es das einfacher macht", sagt Järventie und ergänzt: "Ich muss hier natürlich gut spielen, damit mich Jussi empfehlen kann."
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