Was Murat Yakin seit seinem Einstand als Trainer der A-Nationalmannschaft behutsam herbeigeführt hat, wird jetzt durch den bereits dritten Rücktritt seit dem Ende der EURO schlagartig durchgezogen. Fabian Schärs Rückzug aus dem Nationalteam treibt den Umbruch weiter voran, doch wer profitiert von der freigewordenen Position?
Nach Xherdan Shaqiri und Yann Sommer räumt auch Fabian Schär nach der EURO 2024 seinen Platz in der Fussball-Nationalmannschaft. Es ist der gewichtigste der drei Rücktritte. Selbstverständlich befindet sich auch Keeper Sommer immer noch auf einem herausragenden Niveau, mit Gregor Kobel steht aber ein weiterer auf höchstem Level performender Torhüter bereit. Einen, wie Shaqiri wird es wohl nie mehr geben, aber bereits an der EM-Endrunde landete der Zauberfuss mehrheitlich auf der Bank. Eine Stammkraft aus der Premier League schüttelt die Schweizer Nati allerdings nicht gerade einfach so aus dem Ärmel. Schärs Rücktritt kommt überraschend, wäre ihm noch eine Kampagne durchaus zuzutrauen gewesen. Wir versuchen, mögliche Folgen für die Abwehrposition einzuschätzen.
Unbestritten bleibt Manuel Akanji Abwehrchef im Nationalteam, er wird nach dem Rücktritt von Schär gar noch wichtiger. Da der Newcastle-Abwehrspieler nun aber für einen Umbruch in der Verteidigung sorgt, könnte die Luft auch für Ricardo Rodriguez dünner werden. Natürlich tönt das etwas widersprüchlich, aber es hätte durchaus Sinn ergeben, das eingespielte Trio Rodriguez/Akanji/Schär noch so weiter bestehen zu lassen. Da jetzt ohnehin umgebaut wird, könnte auch die Luft für den 32-Jährigen dünn werden. Ein kompletter Neuaufbau der Dreierabwehrkette, sie wird wohl weiterhin Bestand haben, wäre bis zur nächsten WM naheliegend.
Die naheliegendste Nachfolge für Schär wäre Nico Elvedi, der den Ostschweizer zwischenzeitlich bereits auf die Bank verwiesen hat. An der WM 2022 erhielt Elvedi bis zu seiner Erkältung den Vorzug. Für den 27-Jährigen, dessen Wechselwunsch sich wohl abermals nicht erfüllen wird, wäre ein fixer Stammplatz in der Nationalmannschaft vielleicht nochmals ein gutes Schaufenster, um sich doch noch für eine neue Herausforderung zu empfehlen. Klar ist aber, Yakin wird die Karten in der Abwehr komplett neu mischen. Elvedi muss im Verein und bei allfälligen Einsätzen im Nationalteam liefern, ansonsten laufen ihm die noch jüngeren Optionen den Rang ab.
Weil er an der EURO angeschlagen gefehlt hat, ist etwas untergegangen, dass Becir Omeragic eine hervorragende Saison beim Montpellier HSC gespielt hat. Gleich in seiner ersten Saison in einer der Big-Five-Ligen eroberte sich der Genfer einen Stammplatz. Auch in der neuen Saison hat er in den bisherigen beiden Spielen während 180 Minuten zum Abwehrpersonal beim Team aus Südfrankreich gehört. Der 22-Jährige wäre auch perspektivisch eine richtig langfristige Lösung und dürfte auch in den kommenden Monaten jeweils voll im Spielrhythmus zum Nationalteam stossen. Omeragic ist mutmasslich der grösste Konkurrent von Elvedi um die direkte Schär-Nachfolge.
Ebenfalls seit letzter Saison spielt Cédric Zesiger in einer Top-Liga. Zum Saisonstart ist er beim VfL Wolfsburg wieder Stammkraft. Der dreifache Schweizer Meister bringt mit 26 Jahren etwas mehr Erfahrung mit. Seine Körpergrösse von 1.94 Metern brächte eine zusätzliche Kopfballstärke mit, ähnlich wie Schär, wäre auch er ein sehr robuster Spieler. Sollte sich der Trainerstaff tatsächlich entschliessen, neben Schär auch Rodriguez zu ersetzen, hätte der Fribourger als relativ rarer Linksfuss ein grosses Plus gegenüber den bereits erwähnten Kandidaten.
Wer für eine beinahe zweistellige Millionensumme gerade in die Bundesliga gewechselt ist, muss zwangsläufig auch zu den Kandidaten gezählt werden. Aurèle Amenda gehört sicherlich zur Nati-Zukunft, muss sich aber vorerst in Frankfurt durchbeissen und zu Spielpraxis kommen. Nur, wenn er regelmässig zum Einsatz kommt, wird er zum Thema. Vorerst dürfte er als Abwehrchef im Zentrum in der U21-Mannschaft dirigieren und dort wertvolle Einsatzzeit mitnehmen. Auch er brächte, ähnlich wie Zesiger, mit seiner Körpergrösse noch mehr Lufthoheit ins Team. Der Moment, direkt nach seinem Wechsel ins Ausland, kommt etwas ungelegen. Bis zur möglichen WM-Teilnahme in Nordamerika 2026 ist aber noch einiges an Zeit verfügbar.
Es gibt neben den schon sehr jungen aufgeführten Omeragic und Amenda noch drei weitere Optionen aus der nächsten Nati-Generation, die durchaus ihre Reife für mehr Verantwortung mitbringen. Leonidas Stergiou entwickelt sich auch wegen seiner Schnelligkeit immer mehr zum rechten Aussenverteidiger. Zudem muss der derzeit angeschlagene Spieler wohl beim nächsten Zusammenzug passen, mutmasslich könnte der U21-Captain vorerst sogar nochmals ins Nachwuchs-Nationalteam zurückkehren.
Albian Hajdari ist vielleicht der designierte Nachfolger von Ricardo Rodriguez, wenn dann dessen Position zum Thema wird. Als Linksfüsser und als verlässliche Stammkraft in Lugano dürfte sein Nati-Debüt zeitnah folgen. Auch Bryan Okoh hat einen stärkeren linken Fuss. Der 21-Jährige von RB Salzburg bringt zudem auch Führungsqualitäten mit, in Österreich gehört er zur Leadership Group bei seinem Verein. Auch für den in Houston in Texas geborenen Abwehrspieler gilt es vorerst aber, sich möglichst viel Spielpraxis zu erkämpfen. Gemeinsam mit Amenda dürfte er wichtiger Bestandteil im möglichen Kader für die U21-EURO 2025 sein.
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