Der FC Thun hat nach dem überraschenden Meistertitel einen tiefgreifenden Umbruch hinter sich. Zahlreiche Leistungsträger haben den Klub verlassen, andere bilden weiterhin das Gerüst. Die ersten Wochen der neuen Saison zeigen nun ziemlich deutlich, wo der amtierende Meister bereits Lösungen gefunden hat - und wo noch Nachholbedarf besteht.
Es ist der Preis des Erfolgs. Leonardo Bertone, Franz-Ethan Meichtry und Elmin Rastoder gehörten in der vergangenen Saison zu den prägenden Figuren des Thuner Meistermärchens - inzwischen spielen alle drei nicht mehr im Berner Oberland. Dazu kommen die Abgänge von Christopher Ibayi, Valmir Matoshi und Michael Heule sowie das Ende der Leihe von Kastriot Imeri.
Damit hat der FC Thun nicht nur viel individuelle Qualität, sondern auch einen beträchtlichen Teil seiner Torgefahr und Kreativität verloren. Rastoder war in der Meistersaison bester Thuner Torschütze, Bertone erzielte elf Treffer, Meichtry acht und Imeri kam auf sechs Tore sowie acht Vorlagen.
Von einem komplett neuen FC Thun zu sprechen, wäre allerdings ebenfalls falsch. Beim 4:3-Auswärtssieg gegen St.Gallen standen noch acht Spieler aus der Meistermannschaft in der Startformation. Spieler wie Niklas Steffen, Jan Bamert, Fabio Fehr, Justin Roth oder Nils Reichmuth bilden weiterhin ein Gerüst.
Das grösste Fragezeichen steht derzeit ausgerechnet hinter jenem Mannschaftsteil, der personell vergleichsweise wenig auseinandergerissen wurde. Aus der Stammabwehr der Meistersaison hat mit Michael Heule bislang lediglich ein Spieler den Verein verlassen. Der Linksverteidiger wechselte für rund drei Millionen Euro zum 1. FC Heidenheim.
Trotzdem wirkt die Thuner Defensive bislang alles andere als sattelfest. In vier Meisterschaftsspielen kassierte der Titelverteidiger bereits 14 Gegentore. Auf das 0:6 gegen YB folgte ein 2:4 in Basel. Und selbst beim Befreiungsschlag in St.Gallen wurde es noch einmal eng.
Die Probleme sind deshalb nicht alleine mit dem Abgang von Heule zu erklären. Hinzu kommt, dass mit Genis Montolio ein wichtiger Innenverteidiger aufgrund eines Kreuzbandrisses langfristig ausfällt. Gleichzeitig musste Trainer Gian-Luca Privitelli aufgrund der zahlreichen englischen Wochen immer wieder rotieren. Automatismen konnten sich so bislang nur schwer entwickeln.
Auf der linken Abwehrseite dürfte Thun deshalb nochmals reagieren. Ein Name, der bereits gefallen ist, ist Olivier Mambwa. Das 17-jährige YB-Talent wurde zuletzt mit einer Leihe ins Berner Oberland in Verbindung gebracht. Ob zusätzlich noch ein Innenverteidiger kommt, dürfte dagegen auch davon abhängen, welche Möglichkeiten sich bis zum Ende des Transferfensters ergeben. Mit Bamert, Nicolas Bürgy, Marco Bürki und Mats Seiler und auch Louis Passavant verfügt Privitelli grundsätzlich über mehrere Optionen.
Deutlich positiver präsentiert sich die Situation momentan im Sturm. Mit Rastoder und Ibayi haben zwar zwei Angreifer den Verein verlassen, die gemeinsam 25 Meisterschaftstore in der vergangenen Saison erzielten. Doch ausgerechnet hier scheint Thun schneller Lösungen gefunden zu haben als erwartet.
Das Beispiel lieferte das Spiel in St.Gallen. Brighton Labeau traf beim 4:3-Erfolg doppelt, Furkan Dursun erzielte das vierte Tor selbst und bereitete zuvor die Treffer von Reichmuth und Labeau vor. Besonders der Österreicher hat zuletzt einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht: In seinen letzten vier Einsätzen gelangen dem 21-Jährigen fünf Tore und drei Vorlagen.
Auch Labeau befindet sich in starker Verfassung. Der 30-Jährige traf in dieser Saison bereits gegen Dinamo Zagreb, Vikingur Reykjavik und Basel, ehe er in St.Gallen mit seinem Doppelpack nachlegte.
Der Abgang von Rastoder könnte damit zumindest teilweise intern aufgefangen werden. Dennoch dürfte Thun im Sturm nochmals nachlegen. Neben der Meisterschaft warten der Cup und ab Oktober die Ligaphase der Conference League mit Gegnern wie Ajax Amsterdam, Gent und Twente Enschede.
Der wahrscheinlichste Kandidat ist derzeit Noah Christoffersson. Der FC Thun verhandelt mit Örgryte IS über den 27-jährigen Schweden. Örgrytes Sportchef Pontus Farnerud bestätigte am Wochenende öffentlich, dass Gespräche laufen und Christoffersson möglicherweise bereits sein letztes Spiel für den Klub absolviert hat.
Sollte der Transfer zustande kommen, würde der Konkurrenzkampf in der Sturmspitze nochmals angekurbelt. Mit Riccardo Braschi und Simon Lengen stehen zwei weitere Angreifer im Kader, die sich Hoffnungen auf Einsatzzeit machen dürfen. Für Marc Gutbub und Layton Stewart dürfte es angesichts der zunehmenden Konkurrenz dagegen schwieriger werden, auf die gewünschten Einsatzminuten zu kommen.
Mit Meichtry, Matoshi und Imeri sind gleich drei Spieler nicht mehr da, die in der vergangenen Saison in den Halbräumen für Wirbel gesorgt haben.
Auf der Zehnerposition sind derzeit vor allem Nico Maier und Nils Reichmuth gesetzt. Dahinter dürfen sich Dorian Derbaci und Adam Ilic Hoffnungen auf Einsatzzeit machen. Mit Blick auf die Dreifachbelastung dürfte Thun die Breite auf dieser Position dennoch nochmals erhöhen wollen.
Eine mögliche Verstärkung zeichnet sich mit Patrik Kristal bereits ab. Der 18-jährige estnische Nationalspieler steht offenbar vor einer Leihe vom 1. FC Köln ins Berner Oberland. Thun soll sich dabei zudem eine Kaufoption sichern. Kristal kann sowohl im zentralen als auch im offensiven Mittelfeld eingesetzt werden und würde Trainer Gian-Luca Privitelli damit zusätzliche Möglichkeiten eröffnen.
Ob der FC Thun darüber hinaus noch einen weiteren Spieler für das offensive Mittelfeld verpflichtet, bleibt offen. Angesichts der zahlreichen Abgänge wäre zusätzliche Tiefe im Kader allerdings durchaus sinnvoll.
Der Saisonstart hat gezeigt, dass der Umbruch beim Meister Spuren hinterlassen hat. Vor allem defensiv fehlt derzeit die Stabilität der vergangenen Saison. Gleichzeitig hat der Auftritt in St.Gallen bewiesen, dass die Mannschaft keineswegs auseinandergebrochen ist.
Dursun und Labeau können im Sturm mehr Verantwortung übernehmen, Reichmuth und Roth gehören weiterhin zum Gerüst und auch mehrere Neuzugänge haben bereits angedeutet, dass sie dem Team helfen können.
Die Prioritäten für die letzten Tage auf dem Transfermarkt sind dennoch klar: Ein Linksverteidiger wird nach dem Abgang von Heule benötigt, im kreativen Mittelfeld muss die verlorene Qualität ersetzt werden und mit Christoffersson könnte ein weiterer Stürmer hinzukommen. Ob auch in der Innenverteidigung nochmals nachgelegt wird, ist weniger eindeutig.
Der Meisterkader von 2026 existiert in dieser Form nicht mehr. Genügend Substanz für eine konkurrenzfähige Mannschaft ist aber weiterhin vorhanden.
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