Marcin Dickenmann durchlebte in diesem Sommer mit dem FC Aarau eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle, in der sein Jugendverein eine zentrale Rolle einnahm. In der neusten Podcastfolge "Storytime - Hinter den Kulissen des Fussballs" blickte er unter anderem darauf zurück.
In einer fussballbegeisterten Familie ist Marcin Dickenmann aufgewachsen. Sein älterer Bruder spielte ebenfalls Fussball und zog damit auch Marcin im Sog mit. Der Vater war zeitweise zudem Trainer. Fussballerisch schlüpfte er sozusagen in eine Doppelrolle, wie Dickenmann ausführt: "Trainer war er nicht mehr, als ich Fussball gespielt habe. Er war ein gesunder Mix zwischen Vater und Trainer, was ich zu dieser Zeit auch gebraucht habe. Ich kann nicht sagen, dass er zu streng war." Der Vater sprach an, was sein Sohn hören musste, und auch die Mutter unterstützte die Sportbegeisterung ihrer beiden Söhne.
Aufgewachsen ist der Aussenverteidiger in Stäfa, gespielt hat er derweil beim FC Männedorf. Schon mit sieben Jahren machte Marcin Dickenmann aber den Schritt zum Grasshopper Club Zürich. "Wir haben an einem Grümpelturnier mit der Mannschaft mitgespielt. Ich habe mit einer Kameradin am 'Grümpi' mitgemacht. Ihre Mutter hat etwas in mir gesehen und gemeint, sie kenne jemanden bei GC", erinnert sich Marcin Dickenmann in der Podcastfolge "Storytime - Hinter den Kulissen des Fussballs" an die Kontaktaufnahme mit den Hoppers. Danach sei alles zügig gegangen.
Der Name Dickenmann ist im Schweizer Fussball natürlich bekannt, was Marcins Cousine zu verdanken ist. 135 Spiele im Nationalteam bestritt Lara Dickenmann. Mit dem VfL Wolfsburg wurde sie deutsche Meisterin, mit Olympique Lyonnais gewann sie neben vier Meistertiteln auch zweimal die Champions League. Marcin Dickenmann ist natürlich stolz auf seine Cousine: "Wenn du eine Cousine hast, die so erfolgreich ist, verfolgst du es automatisch mehr." Mit Bewunderung hebt er hervor, dass sie auf die Karte Fussball gesetzt habe, als es für Frauen noch deutlich schwieriger war. "Ich habe es schon auch mitbekommen. Mir war aber wohl nicht so klar, wie gross sie war", musste er im Gespräch mit Podcast-Host Damien Martin eingestehen.
Auch Marcin hat irgendwann alles für den Fussball geopfert. Obwohl das Wort 'opfern' für den heutigen Profifussballer nicht ganz passend sei. Gleichwohl ist sich Dickenmann sicher: "Ich würde es jederzeit wieder machen." Beim Schweizer Rekordmeister durchlief er alle Nachwuchsstufen. In der U 21 erlebte er eine schwierige Situation, obschon er eine wichtige Stammkraft war und das Team gar als Captain anführen konnte. Dennoch hatte er noch keinen Vertrag erhalten: "Rundherum hatten alle einen Vertrag bekommen. Nicht dass ich mir überlegt hätte, aufzuhören. Aber es waren Gedanken, die einem durch den Kopf geschossen sind."

Für Dickenmann war die COVID-19-Pandemie ein Glücksfall. Die Meisterschaft wurde pausiert und danach dicht getaktet abgespult. In den Profikadern benötigte es mehr Spieler und so stieg er bei den Hoppers zu den Profis auf. 14 Spiele bestritt er insgesamt für die erste Mannschaft des GCZ. In der Winterpause der Saison 2020/21 klopfte der FC Wil an. Weil er bei GC wenig bis gar nicht gespielt hatte, wechselte er sehr gerne per Leihe in die Ostschweiz.
Nach einem halben Jahr übernahmen ihn die Wiler definitiv. Im gesamten Prozess tauschte er sich selbst eigentlich nur mit seinem Berater aus. Auch wenn er nicht zu viele Gedanken daran verlor, dass keiner vom Grasshopper Club Zürich mit ihm gesprochen hatte, hatte es eine Wirkung: "Es ist sicherlich eine gewisse Enttäuschung dahinter, auch nach so einer langen Zeit bei GC." Dickenmann konnte das für sich einordnen, man hätte beim Rekordmeister zu diesem Zeitpunkt wohl deutlich grössere Probleme gehabt als ein junger Aussenverteidiger.
Nach seinem ersten grossen Vereinswechsel gelang ihm in der Ostschweiz in insgesamt dreieinhalb Jahren beim FC Wil der Durchbruch. Erst lief er unter Alex Frei, danach unter Brunello Iacopetta auf. 118 Einsätze mit dem Challenge-League-Team bestritt der Abwehrspieler. Wil sei ein typischer Ausbildungsverein, blickt Dickenmann zurück: "Es ist schon die Kultur von Wil. Es kommen eher junge, unerfahrene Spieler, was seine Vorteile und Nachteile hat. Ich muss aber schon sagen, dass ich bei jeder Station mega Glück hatte mit den Mitspielern." Er habe sich immer wohlgefühlt in den Teams, in denen er bislang gespielt habe, was er nicht als Selbstverständlichkeit ansieht.
Im Sommer 2024 folgte dann der Wechsel nach Aarau. Trainer Brunello Iacopetta nahm den auf beiden Seiten einsetzbaren Aussenverteidiger mit in den Aargau. Natürlich war der Trainer für diesen Wechsel ausschlaggebend. "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Er weiss, was er an mir hat, und ich weiss, was er auf dem Platz haben möchte und welche Prinzipien er hat. Es passt einfach super zusammen. Umso glücklicher war ich, dass ich nach Aarau konnte und zu ihm", erklärte Dickenmann im Podcast "Storytime - Hinter den Kulissen des Fussballs".
Beim FC Aarau sah er gleich in seinem zweiten Einsatz, dem ersten in der Startelf, die Gelb-Rote Karte. Es war ausgerechnet beim 2:2 gegen den FC Wil. "Du willst einfach zeigen, was du kannst. Wenn es direkt noch gegen deinen Ex-Club ist, gibt dir das zusätzliche Motivation. Ich sage, es war sehr unglücklich. Ich halte jetzt noch fest, es war keine Gelb-Rote - aber es macht keinen Unterschied", erinnert sich Dickenmann an den unglücklichen Auftritt.
Aber beim FCA fand er sich dennoch von Beginn an in einer Rolle des verlässlichen Leistungsträgers wieder. Auch wenn der beidfüssige Abwehrspieler auch auf der linken Aussenbahn eingesetzt werden kann, bevorzuge er rechts. In ihrem System geniesse er viele Freiheiten und könne so auch sein abenteuerlustiges Naturell auf dem Rasen ausleben. Gleich schon am Ende der ersten Saison traf Dickenmann mit dem FCA in der Barrage ausgerechnet auf seinen Jugendverein, den GCZ. Mit dem Aufstieg wollte es aber 2025 nicht klappen. Dickenmann zog sich zudem eine Verletzung zu und verpasste so den ersten Viertel der Spielzeit 2025/26.
Es war eine Rekordsaison für den FC Aarau in der zweithöchsten Schweizer Spielklasse und dennoch reichte es am Ende nicht für den direkten Aufstieg. Der FC Vaduz fing die Aarauer am letzten Spieltag noch ab. Dickenmann beschreibt die letzten Wochen der Saison als absolute Achterbahnfahrt der Gefühle: "Wir gewinnen zuerst gegen Vaduz auswärts und können mit einem Sieg zuhause direkt aufsteigen. Ganz Aarau war ready, das Stadion war voll und wir waren noch 2:0 in Führung. Nach dem Spiel in der Kabine und im Kopf war es sehr sehr schwierig." Dieses entscheidende letzte Meisterschaftsspiel endete mit einem 2:2 gegen den Yverdon Sport FC und so profitierte der FC Vaduz, mit dem sich die Aarauer die ganze Saison um den Aufstieg duellierten.
Es folgte erneut eine Teilnahme an den Relegationsspielen und wieder hiess der Gegner GC. "Mein erster Gedanke war: So wie letztes Jahr wird es nicht mehr", meinte der ehemalige GC-Junior. Ein Jahr zuvor war eine 0:4-Niederlage im Hinspiel praktisch die Entscheidung. Dieses Mal sei das Hinspiel eine verpasste Chance gewesen. Dem Unterklassigen fehlte nach dem Schock mit der Partie gegen Yverdon die Kaltschnäuzigkeit. Es resultierte ein 0:0.
Dann folgte das Rückspiel vor 18.763 Zuschauerinnen und Zuschauern im Zürcher Letzigrund. "Für solche Spiele spielst du auch. Wir sind in der Nähe des Letzigrunds in ein Hotel und sind dann vom Hotel mit dem Car zum Stadion gefahren. Dann siehst du all die Aarau-Fans", blickt der Verteidiger zurück. Es sei ein mega cooles Gefühl. Die Partie selbst sei eine Zusammenfassung der Achterbahnfahrt der vorangegangenen Wochen gewesen. Ein Rückstand, der Ausgleich vor der Pause, je ein Platzverweis auf beiden Seiten und die Niederlage aufgrund eines Elfmeters in der Verlängerung.

Nach dem Schlusspfiff sass der Schock tief. "Man sitzt an seinem Platz oder am Boden. Jeder ist ruhig, spricht kein Wort. Man versucht, jene zu trösten, die man trösten muss, wenn man die Kraft dazu hat. Ansonsten sitzt man am Platz und ist einfach ruhig", beschrieb er die Situation in der Kabine nach der Partie.
Ein solcher Spielausgang sei es kein Moment, der zusammenschweisse. Vielmehr kreisen dann die Gedanken. Für Dickenmann war aber längst klar, dass es für ihn in Aarau weitergehen wird. Im April hatte er seinen Vertrag verlängert. Er fühle sich sehr wohl im Verein, mit dem Staff und den Fans: "Für mich hat es sich richtig angefühlt, dass ich dort bleibe." Er selbst wohnt mittlerweile mit seiner Freundin in Spreitenbach.
Nach dieser wilden Achterbahnfahrt kam es in diesem Sommer zu einem grossen Umbruch. Dickenmann betonte mehrfach, dass es Zeit benötige, um als Team zusammenzufinden. Dennoch verliert er seine Ambitionen nicht. Der Aufstieg müsse mit dem FC Aarau immer der Anspruch sein. Ob es den 26-Jährigen mit dem FC Aarau wirklich noch ins Oberhaus führen wird, muss sich zeigen.
Die komplette Folge des Podcasts "Storytime - Hinter den Kulissen des Fussballs" mit dem Gespräch zwischen Damien Martin und Marcin Dickenmann findet ihr unter diesem Link.
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