Unbestritten startet der BSC Young Boys mit grossen Ambitionen in die neue Saison, ganz so offensiv wie in anderen Jahren haben Christoph Spycher und Gerardo Seoane an der Medienkonferenz vor dem Saisonstart nicht kommuniziert. Eins ist jedoch auch klar: Die Mannschaft der Berner wird sich in den kommenden Wochen noch verändern.
"Wir haben diese Saison keine Ziele", scherzt Christoph Spycher auf die Frage nach ebendiesen an der Medienrunde am Donnerstag und sorgte bei allen Anwesenden für Lacher. "Wir sind maximal ambitioniert. Jeder, der für YB arbeitet, und jeder Spieler, der zu uns kommt, weiss, dass wir schlussendlich um Titel mitspielen möchten und Titel gewinnen wollen", schiebt der Chief Sports des BSC Young Boys mit etwas mehr Ernsthaftigkeit nach.
Gleichzeitig lebt Spycher Demut vor: "Auf der anderen Seite sind wir nach der letzten Saison heute nicht hier und dürfen sagen, dass sich alle warm anziehen müssen und der Weg nur über uns führt." Entscheidend werde sein, wie das Team mit Rückschlägen umgeht, meint Spycher. Dem pflichtet wenig später Trainer Gerardo Seoane bei, indem er mehr Resilienz in jenen Situationen fordert. Die Marschrichtung in Bern ist aber klar: Nach einer enttäuschenden letzten Saison mit Rang sechs in der Meisterschaft muss ein Schritt nach vorn folgen.
Die erste Mission dabei wird das Heimspiel am Sonntag gegen den FC Sion darstellen. Die Berner rechnen mit 23'000 bis 24'000 Zuschauerinnen und Zuschauern im Wankdorf. Insgesamt hat Gelb-Schwarz für die bevorstehende Spielzeit rund 18'500 Saisonabonnements verkauft.
Cheftrainer Seoane kann auf eine positive Vorbereitung zurückblicken, wobei er mit seiner Erfahrung zu bedenken gibt, dass diese Phasen bei den meisten Teams jeweils positiv verlaufen, sofern nicht zu viele Verletzungen vorfallen. Dies war bei YB nicht der Fall. Die Ferien hätten nach der schwierigen vergangenen Saison gutgetan, so Seoane. "Ich habe die Mannschaft von Anfang an energievoll erlebt und mit Freude, wieder zusammenzukommen. Natürlich auch noch mit den Resultaten der letzten Wochen im Hinterkopf und mit der Zusatzmotivation, ab dem ersten Tag zu wissen, dass wir viel investieren müssen und es an uns liegt, damit wir wieder die Resultate einfahren, die wir alle sehen möchten", blickt der Trainer zurück.
Grundsätzlich teilt Christoph Spycher die Neuzugänge in unterschiedliche Gruppen auf. Eine kommt den beiden Nachwuchsspielern Benjamin Kabeya und Edin Etoski zu, die den Schritt in die erste Mannschaft geschafft haben. "Es ist uns ein Element, das uns wichtig ist, dass die Türe zum eigenen Nachwuchs immer offen ist. Mit der Erwartung an die jungen Spieler aus der Youth Base, dass sie den Schritt selbst hindurchgehen, mit Vehemenz und der Überzeugung, sich hier durchzusetzen", erklärte Christoph Spycher.
Gleichzeitig haben die Berner drei Spieler verpflichtet, die auf dem Rasen oder in der Garderobe eine Leaderrolle übernehmen werden. Das sind Isaac Schmidt, Ersatztorhüter Joel Mall und vor allem Cedric Zesiger. Die Rückkehr des dreifachen Meisterspielers ist ein wichtiger Schritt. Er soll sogleich die Position einnehmen, die er vor drei Jahren vor seinem Wechsel in die Bundesliga innehatte. Spycher hebt seine Arbeitsmoral und seine Vorbildrolle hervor. In der Kommunikation soll der Innenverteidiger mit seiner Mehrsprachigkeit ein wichtiges Element sein. Spycher hat es auf den Punkt gebracht: "Jetzt soll er ab der ersten Minute eine wichtige Rolle übernehmen. Er muss diese Last nicht alleine tragen, es ist ein Führungsteam."
Bei den Young Boys konzentrieren sich damit die Führungsspieler in der Innenverteidigung. Loris Benito bleibt Captain, zudem ist in der vergangenen Saison bereits Gregory Wüthrich nach Bern zurückgekehrt. Vor zu viel Konkurrenzkampf fürchtet sich Seoane nicht: "In erster Linie steht zuoberst immer der Erfolg von YB als Mannschaft. Das ist das oberste Gebot. Also benötigen wir auf allen Positionen mit Sicherheit die grösstmögliche Qualität und Konkurrenzkampf, im Wissen, dass wir nur zwei Wettbewerbe haben."
Man wolle den Kader auch aufgrund der im Vergleich zu anderen Saisons wegfallenden internationalen Einsätze nicht aufblähen. Gleichwohl habe man mit Zesiger ein zusätzliches defensives Profil dem Team hinzufügen können, beispielsweise mit seiner Kopfballstärke. Es sei das Ziel gewesen, im Defensivverhalten eine neue Energie auf den Rasen zu bringen. Ein Schritt sei schon die Verpflichtung von Samuel Essende gewesen, der eine andere Dynamik beim Anlaufen mitbringt.
Der Fokus in der Vorbereitung habe nicht nur auf der Defensive gelegen. "Wie wir überhaupt auftreten wollen, war das Zentrum dieser Vorbereitung", meinte Seoane. Doch dem Trainer lag nicht nur viel am Auftreten auf dem Rasen: "Gleich wichtig finde ich die Energie in der Kabine, sowohl die individuelle Haltung tagtäglich als auch im Spiel, aber auch als Mannschaft." Die Umsetzung dieser Punkte steht nun ab Sonntag auf der Probe.
Dass der Kader der Berner noch zu gross ist, liegt auf der Hand. Seoane sei sich zwar aus der Zeit in Deutschland gewohnt, mit grossen Teams zu trainieren. Dennoch strebt der Coach 20 bis 21 Feldspieler an, ergänzt mit den Torhütern.
Christoph Spycher gab zu bedenken, dass das Transferfenster noch lange offen sei: "Wir sind froh, dass wir gewisse Sachen bereits realisieren konnten. Wir sind uns aber auch bewusst, dass neue Dynamiken hineinkommen werden und wir unterschiedliche Szenarien vorbereiten müssen, um dann auch zu reagieren, sollten uns Spieler verlassen."
Ein heisses Thema sind die zurückgekehrten Leihspieler, wie beispielsweise Lewin Blum oder Kastriot Imeri. Ihnen kämen dieselben Chancen zu, wie allen anderen, sich aufzudrängen. Spycher spricht aber auch klar an, dass man beispielsweise auf der Position des Rechtsverteidigers nominell zu viele Spieler im Kader habe.

Dass Neuzugang Isaac Schmidt und der zu den Profis beförderte Benjamin Kabeya nicht zu den allgemeinen Streichkandidaten gehören, liegt auf der Hand. So rückt dann doch wieder Blum in den Fokus, den Captain Loris Benito zu den Gewinnern der Vorbereitung zählt: "Lewin Blum hat eine super Vorbereitung gemacht. Er hat gute Matches gespielt und er hat sich auch im Auslandsjahr sehr gut entwickelt."
Spycher schliesst einen Verbleib des 24-Jährigen nach seiner Leihe zu Royal Charleroi aber nicht aus. So sei es sogar möglich, dass er zum Saisonstart vielleicht den Vorzug erhält: "Am Schluss hat der Trainer ganz klar das Ziel, jedes Spiel zu gewinnen. Deshalb möchte der Trainer auch jene Spieler aufstellen, mit denen er das Gefühl hat, die Matches zu gewinnen. Am Schluss liegt es an jedem Spieler, die Konkurrenz anzunehmen und darauf mit einer positiven Leistungssteigerung zu reagieren."
Nach seiner WM-Teilnahme mit Algerien dürfte Jaouen Hadjam die Young Boys im weiteren Verlauf des Transferfensters noch verlassen. "Jaouen ist sicherlich einer von jenen Spielern, von denen wir denken, dass sie einen Markt haben, um den nächsten Schritt zu gehen. Hätte er sich am Africa Cup of Nations nicht verletzt, wäre er womöglich schon im Winter weg gewesen", meint Spycher und fordert Geduld, schiebt aber dennoch nach: "Ich bin überzeugt, dass er beim einen oder anderen Verein auf der Shortlist steht." Es dürfte auch nach dem Saisonstart definitiv noch Bewegung in den YB-Kader kommen.
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